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ЗАНИМАТЕЛЬНАЯ ФРАЗЕОЛОГИЯ НЕМЕЦКОГО ЯЗЫКА

Книга

Иностранные языки, филология и лингвистика

Немец же говорит: Как стары Вы Wie alt sind Sie Сколько часов Wieviel Uhr ist es Я имею голод. Entschuldigen Sie bitte daß ich so spät anrufe. Sie wollen hier einen Dokumentarfilm drehen 4: Sieben Tage in Moskau‘. Da brauchen wir für sie einen guten Ubersetzer.

Русский

2013-08-05

1.56 MB

13 чел.

Т. Д. АУЭРБАХ

НАДЯ УЧИТСЯ ГОВОРИТЬ
ПО-НЕМЕЦКИ

ЗАНИМАТЕЛЬНАЯ ФРАЗЕОЛОГИЯ
НЕМЕЦКОГО ЯЗЫКА

ПОСОБИЕ ДЛЯ УЧАЩИХСЯ
СТАРШИХ КЛАССОВ

Художник В. И. Гинуков

ИЗДАТЕЛЬСТВО «ПРОСВЕЩЕНИЕ»

МОСКВА   1964


THEODOR AUERBACH

NADJA SAMMELT
REDEWENDUNGEN

HEITERE PHRASEOLOGIE
DER DEUTSCHEN SPRACHE

EIN BUCH FÜR DIE SCHÜLER
DER OBERKLASSEN

VERLAG «PROSWESTSCHENIJE»

MOSKAU 1964


ОТ АВТОРА

Изучающий немецкий язык уже с первых шагов встречается с большой трудностью — фразеологией. Русский говорит: «Сколько Вам лет?» — «Который час?» — «Я проголодался». — «Я хочу пить». Немец же говорит: «Как стары Вы? (Wie alt sind Sie?)» — «Сколько часов? (Wieviel Uhr ist es?)» — «Я имею голод. (Ich habe Hunger.)» — «Я имею жажду. (Ich habe Durst.)» Таких устойчивых сочетаний — тысячи. Они затрудняют понимание немецкого текста. Не владея ими, нельзя и правильно говорить.

Настоящее пособие, предназначенное для етарших классов, поможет усвоить наиболее употребительные обороты речи, группирующиеся вокруг слов, большей частью известных учащимся из стабильных учебников.

В отличие от имеющихся фразеологических словарей-справочников данное пособие — попытка ознакомить учащихся с немецкой фразеологией в занимательной форме, на фоне несложного рассказа.

Пособие может служить как книга для внеклассного чтения, оно также может быть использовано на кружковых занятиях в школе.

Автор с благодарностью примет все замечания и пожелания читателей. Письма просим направлять по адресу: Москва, И-18, 3-й проезд Марьиной рощи, 41, издательство «Просвещение».


Vorgeschichte

NÄCHTLICHES TELEFONGESPRÄCH

Wenn man mit einer interessanten Arbeit beschäftigt ist, merkt man nicht, wie die Zeit vergeht. Aber einmal macht man dann doch eine Pause und schaut auf die Uhr. So ging es auch mir an jenem Abend. «Wie spät ist's denn eigentlich?» dachte ich und sah: zehn Minuten vor zwölf — bald Mitternacht! Es ist hohe Zeit 1, zu Bett zu gehen oder, wie es auch heißt 2, sich in die Federn zu machen 3. Aber da klingelt plötzlich das Telefon.

Ich nehme den Hörer auf. «Hallo?»

«Hier Kornejew. Entschuldigen Sie bitte, daß ich so spät anrufe. Es ist eine wichtige Sache. Ich bin im Filmklub, Heute sind zwei Deutsche aus Berlin zu uns gekommen. Filmleute. Eine Regisseurin und ein Kameramann. Sie wollen hier einen Dokumentarfilm drehen 4: ,Sieben Tage in Moskau‘. Da brauchen wir für sie einen guten Ubersetzer. Kennen Sie vielleicht jemanden, der momentan frei ist und diese Arbeit übernehmen kann?»

Ich denke nach. Wer von meinen Bekannten konnte da in Frage kommen? 5 Wer? Ein paar Sekunden und — plötzlich fährt mir ein Gedanke durch den Kopf 6: Nadja Nowikowa! Das ist die beste Kandidatur. Ohne Zweifel! Ich sage also: «Viktor Andrejewitsch, ich glaube, ich kann Ihnen behilflich sein. Ich habe jemanden im Auge 7, ein Mädchen, Nadja heißt sie. Sie hat soeben die zehnte Klasse einer Schule absolviert, wo von der zweiten Klasse an Deutsch unterrichtet wird,



1  Es ist hohe (или höchste) ZeitДавно пора

2  wie es auch heißtкак говорится

3  sich in die Federn machen (legen)ложиться спать

4  einen Film drehenснимать фильм

5  Wer... könnte da in Frage kommen?О ком... может идти речь?

6  ein Gedanke fährt (schießt, geht) mir durch den Кoрfмысль мелькнула (пронеслась) у меня в голове

7  jemanden (etwas) im Auge haben — иметь в виду кого-либо (что-либо)

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und spricht gut deutsch. Ich weiß aber nicht, ob sie frei ist. Ich werde sie morgen anrufen.»

«Nein, nein, ich bitte Sie sehr, heute noch! Die Deutschen stehen hier, neben mir. Sie möchten es sofort wissen. Vielleiсht ist's möglich, die Sache gleich in Ordnung zu bringen?»

«Gut. Rufen Sie mich in fünf Minuten noch einmal an.»

Ich wähle also die Rufnummer Nadjas, obwohl es schon fast zwölf Uhr nachts ist.

«Hallo, Nadja! Bist du noch nicht in den Federn? 1»

«In den Federn?? Heißt das, noch nicht im Bett? Ja? Hurra, eine Redewendung, die ich noch nicht habe!»

«Sammelst du noch immer Redewendungen?»

«Aber natürlich. Ich habe heute die fünfhundertste registriert! Stellen Sie sich vor: die fünfhundertste!»

«Gratuliere! Und dein Ziel?»

«Tausend.»

«Ich kann dir dabei helfen, Nadja. Willst du eine sehr gute Praxis bei echten Deutschen haben, für eine Woche?»

«Praxis bei Deutschen? Ist das wirklich möglich?»

«Ja, wenn du freie Zeit hast.»

«Eine Woche bin ich bestimmt frei. Ich war gestern in der Redaktion der deutschen Zeitung. Man hat mir eine Anstellung als Korrektor versprochen. Aber erst in zwei, drei Wochen.»

Ich teilte das alles sofort Kornejew mit. Wir beschlossen, uns morgen früh im Zentrum der Stadt zu treffen. Kornejew sollte uns mit den Deutschen bekannt machen 2.

NADJA NOWIKOWA НAТ EIN STECKENPFERD 3

Nadja ist 18 Jahre alt. Ebenso lange kenne ich sie. Kein Wunder deshalb, daß 4 ich zu ihr «du» sage. Sie ist die Tochter eines alten Bekannten von mir, eines Dozenten. Er ist Philologe, Germanist. Nadjas Mutter, Vera Stepanowna, ist Lehrerin der russischen Sprache in einer Moskauer Mittelschule. Es ist deshalb auch kein Wunder, daß das Töchterchen schon mit fünf Jahren ziemlich gut deutsch sprach. Mit sieben Jahren trat sie in die deutsche Spezialschule in Moskau



1  Bist du noch nicht in den Federn?Ты ещё не легла?

2  bekannt machen — познакомить

3  ein Steckenpferd haben — увлекаться каким-либо делом

4  (Es ist) kein Wunder..., daßНе удивительно..., что 

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ein und wurde bald die beste Schülerin ihrer Klasse. Ende Mai dieses Jahres beendete sie die zehnte Klasse. Was nun weiter? Viele Wege stehen ihr offen. Welcher aber ist der beste für Nadja? Schwere f.rage.

Gerade darüber sprach ich mit ihr vor ein paar Tagen. «Sie wollen wissen, was ich werden möchte?» sagte Nadja. «Übersetzerin oder Lehrerin der deutschen Sprache. Zuerst möchte ich aber praktisch arbeiten. Studieren kann ich ja auch an der Abendfakultät oder als Fernstudentin.»

Damals erzählte mir Nadja auch von ihrem neuesten Steckenpferd: sie sammelt eifrig — Nadja macht immer alles sehr eifrig und genau — deutsche Redewendungen. Sie zeigte mir stolz ein dickes Heft mit Hunderten von Redewendungen. Ich prüfte Nadja und kostatierte, daß sie alle Redewendungen, die in das Heft eingetragen sind, gut kennt. Bravo, Nadja! Wird sie diese Wendungen aber auch immer richtig gebrauchen konnen? Das ist die große Frage!

VIKTOR KORNEJEW KANN GUT DEUTSCH

Jetzt ein paar Worte über Viktor Kornejew. Ich lernte ihn kennen, als er etwa zwanzig Jahre alt war. Das war während des Krieges. Kornejew war damals Student und mein Schüler. In einer Gruppe, wo ich Deutsch unterrichtete, befand sich ein junger Mann, der dieses Fach sehr gern hatte und mir durch seine schöne Aussprache auffiel. Er interessierte sich für alles, was mit der deutschen Sprache in Zusammenhang steht 1. Das gefiel mir, seinem Lehrer, naturlich sehr, und ich stand ihm mit Rat und Tat 2 bei.

Einige Monate später ging Kornejew an die Front. Bald erhielt ich von ihm Briefe, deutsch geschrieben. Nach dem Krieg blieb er ein paar Jahre in Berlin. Wir sahen uns wieder, als er 1948 nach Moskau zurückkehrte, wo er als Film- und Theaterkritiker für eine Zeitung tätig war. Er beherrschte jetzt die deutsche Sprache ausgezeichnet, oder, wie man auch sagt, aus dem Effeff 3. (Diesem Ausdruck, den Nadja liebt, werden wir noch oft begegnen.)

Mit Viktor traf ich mich häufig. Wir plauderten über die verschiedensten Dinge, meist deutsch.



1  in Zusammenhang stehen mit etwasбыть связанным с чем-либо

2  mit Rat und Tatсловом и делом

3  etwas aus dem Effeff verstehen (können, beherrschen)знать что-либо отлично, «на ять»

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Erster Tag

ERSTE BEKANNTSCHAFT MIT MOSKAU

NADJA, PAß AUF!

Am Morgen, ein Viertel vor zehn, traf ich mich mit Nadja im Zentrum vor dem Großen Theater. Nadja hatte ein hübsches blaues Jackenkleid an. Wir warteten zusammen ein paar Minuten auf Kornejew, der uns ja mit den Deutschen bekannt machen sollte.

«Hast du.keine Angst, Nadja?» fragte ich.

«Angst? Kommt nicht in Frage! 1 Wovor sollte ich denn Angst haben? Oder vor wem? Es ist überhaupt schwer, mir Angst zu machen 2

«Setz dich nur nicht aufs hohe Roß 3, Nadja!» erwiderte ich in ihrem Stil. Da wollte sie aber gleich wissen, woher diese Redewendung kommt. Ich mußte es erklären: «Die Feudalherren taten Kriegsdienste, sie dienten im Heer als Reiter. Hoch zu Roß schauten sie stolz auf das gewöhnliche Fußvolk herab. Daher bedeutet diese Redewendung ,auf etwas stolz sein‘ oder ,wichtig tun‘ 4. Also paß auf, Nadja! Denk daran, von einem hohen Roß leicht herunterfallen kann!»



1  (Das) kommt nicht in Frage! — Об этом не может быть и речи! (Никоим образом!)

2  jemandem Angst machen (einjagen, einflößen) — нагнать страху на кого-либо

3  sich aufs hohe Roß (Pferd) setzen — важничать

4  wichtig tun (sich wichtig machen)важничать

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Da kam auch schon Kornejew. Ich machte ihn mit Nadja bekannt. Viktor Andrejewitsch fragte Nadja: «Können Sie deutsch sprechen?»

«Soso lala! Es geht! 1» antwortete Nadja lachend. «Ich denke, ich werde die Sache schon drehen 2

Ich schaute Kornejew an. Er machte große Augen 3. Er schien von Nadjas Worten nicht begeistert zu sein.

Schweigend gingen wir zu dritt ins Hotel Berlin, wo die Deutschen wohnten.

ICH STELLE VOR — HERTA UND KURT

Die beiden Deutschen, die nach Moskau gekommen waren, arbeiteten in Berlin-Neubabelsberg, in der bekannten Filmgesellschaft DEFA. Herta Möller hatte vor zwei Jahren im Alter von 23 Jahren die Filmhochschule beendet. Bei dem Dokumentarfilm über Moskau sollte sie Regie führen 4. Kurt Bruck, ein Kameramann, war ein Jahr älter als Herta und ihr alter guter Freund. Er war Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Herta und er waren Patrioten ihrer jungen Republik, die zum erstenmal in der Geschichte Deutschlands für den Frieden und für die Freiheit der Werktätigen kämpft.

EIN TREFFEN ZU FÜNFT

Mit diesen zwei jungen Menschen machte uns nun Kornejew im Hotel Berlin bekannt. Und da kam es gleich zu einem Zwischenfall 5. Nadia hatte wohl bemerkt, daß sie mit ihren Redewendungen auf Kornejew keinen guten Eindruck gemacht hatte. Und doch wollte sie die Flinte nicht so schnell ins Korn werfen 6; sie wollte auch im Gespräch mit den beiden Deutschen möglichst viele Redewendungen gebrauchen. Dabei geriet sie wieder in die Tinte 7.

Kaum hatte sie nämlich die Deutschen erblickt, als sie auch schon in schnellstem Tempo begann: «Also, liebe deutsche



1  Sosó lalá! или Es geht! (разг.) — Так себе, не плохо.

2  die Sache drehen (разг.) — справиться с чем-либо

3  große Augen machen — делать большие глаза (от удивления)

4  Regie (lies: re:'ži:) führen — быть режиссёром

5  es kam zu einem Zwischenfall — произошёл инцидент

6  die Flinte ins Korn werfen — капитулировать, сдаться

7  in die Tinte geraten — попасть впросак, садиться в лужу

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Freunde, ich freue mich sehr, daß ich etwas für Sie tun kann. Es wird schon alles in Butter sein
1. Unser Weizen wird blühen. 2 Wann nehmen wir die Sache in Angriff 3, damit sie so schnell wie möglich in Fluß kommt 4

Eine Sekunde lang schauten wir einander fragend an. Dann begannen wir laut zu lachen. Nur Nadja lachte nicht, im Gegenteil, sie war sehr verwundert und sah ernst von einem zum anderen. «Was ist denn eigentlich los? Habe ich falsch gesprochen?»

«In dieser Situation — ja», meinte Kurt. «,In Angriff nehmen‘ und ,in Fluß kommen‘ sind Ausdrücke der Zeitungssprache, geschriebenes Deutsch, nicht gesprochenes. Hier wirken diese Wendungen komisch. Ja, das ist das richtige Wort.»

«Komisch?»

«Sehen Sie», fuhr Kurt fort. «Mit Redewendungen muß man sehr vorsichtig sein. Man darf nie verschiedene Bilder vermengen, z. B. ,Butter‘ und ,Weizen‘, oder ,Angriff‘ und ,Fluß‘. Das paßt nicht zueinander, verstehen Sie?»

«Ich glaube — ja.»

«Und noch etwas: ,Alles ist in Butter‘ können sie zu ihren Kameraden und Geschwistern sagen, das ist ein Ausdruck der Umgangssprache. Aber ,Unser Weizen blüht‘ ist gehobener Stil; es klingt etwas pathetisch.»

«Noch eine Bemerkung, Nadja», sagte Herta freundlich. «Lieben Sie Suppe mit sehr, sehr viel Salz?»

«Ach so! Ich gebrauche Ihrer Ansicht nach zu viele Redewendungen?»

«Ja», meinte Kurt, «auch das. Kennen Sie nicht das alte Sprichwort: ,Allzu viel ist ungesund‘? Als wir Ihre vielen Redewendungen hörten, Nadja, da haben wir große Augen gemacht.»

Kaum hatte er dies gesagt, so rief Nadja: «Da hört aber die Gemütlichkeit auf! 5 Das schlägt dem Faß den Boden aus! 6 Sie kritisieren mich, dabei sprechen Sie ja selbst so! Schöne Sache!» Blitzschnell hatte sie ihr Notizbuch genommen und etwas aufgeschrieben. Und jetzt sagte sie stolz: « ,Große



1  alles (ist) in Butter (разг.) — всё идёт как по маслу

2  Unser Weizen wird blühen. — Всё будет в порядке.

3  in Angriff nehmen — (энергично) приступить к чему-либо

4  in Fluß kommen — налаживаться

5  Da hört aber die Gemütlichkeit auf! — Это уж чересчур!

6  Das schlägt dem Faß den Boden aus! — Это переходит все границы!

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Augen machen‘ — sich sehr wundern — das ist meine 502te deutsche Redewendung! Hurra!»

«Und wieviel Redewendungen wollen Sie sammeln?» fragte Herta.

«Tausend. Und wenn ich das erste Tausend gesammelt habe, dann beginne ich gleich das zweite Tausend. Und so weiter, bis ich alle deutschen Redewendungen kenne, ohne Ausnahme — alle durch die Bank 1

TAUSEND DEUTSCHE REDEWENDUNGEN

K u r t: Tausend!.. Oho, ich denke, das ist viel zu viel!

N a d j a (notiert schnell): «Viel zu viel» — Слишком много. 503! (Zu Kurt:) Sehen Sie, das ist heute schon Ihre zweite Redewendung. Sie sprechen also genau so, wie ich gern sprechen möchte.

K u r t: Fräulein Nadja, ich darf es, weil ich es kann. Es ist meine Muttersprache.

N a d j a: Und ich will sie erlernen. Verstehen Sie das? Ich will genau so deutsch sprechen lernen, wie ein Deutscher spricht, und alle Deutschen durch die Bank 1 gebrauchen Redewendungen.

K o r n e j e w: Ja, es ist wirklich sehr schön, viele Redensarten zu wissen, aber dieses Wissen ist zwecklos, wenn man sie nicht richtig gebrauchen lernt.

K u r t: Gerade hierin liegt die große Schwierigkeit.

H e r t a: Wir wollen Ihnen gern helfen, Nadja.

N a d j a: Wirklich? Ich bin Ihnen sehr dankbar.

H e r t a: Sie werden also unsere Dolmetscherin sein?

N a d j a: Ja. Das wird für mich die beste Schule sein. Ich bin im siebenten Himmel.

K o r n e j e w: So, nun kann ich ruhig gehen. Ich habe alle Hände voll zu tun 2.

N a d j a (notiert): Das heißt wohl «Ich habe sehr viel Arbei t»?

K u r t: Ja. (Ironisch): Nummer 504! Es bleiben nur noch 496!

H e r t a: Herr Kornejew, vielen Dank für Ihre Mühe.

K o r n e j e w: Bitte sehr, keine Ursache 3.



1  alle durch die Bank — все без исключения

2  alle Hände voll zu tun haben — быть занятым по горло; хлопот полон рот

3  Keine Ursache! — Не за что!

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N a d j a (
notiert): Keine Ursache — Не за что!

K u r t: 505! Das wächst ja wie eine Lawine. So ein Tempo! Was schreiben Sie denn noch auf, Nadja?

N a d j a: «Vielen Dank». Ich kenne auch Synonyme: «besten Dank» und «danke bestens», «danke schön» und «danke sehr». Ich bin der Ansicht, je mehr Synonyme man kennt, desto leichter ist es, in jedem einzelnen Fall den passendsten Ausdruck zu finden.

Kornejew fragte mich, ob ich noch bleiben wolle. Ich hatte aber ebenfalls keine Zeit und verabschiedete mich von Nadja und den deutschen Freunden.

Alles, was ich weiter berichten werde, habe ich später von Nadja, Kornejew und den zwei Deutschen erfahren.

NEHMEN SIE PLATZ 2!

Sie blieben also zu dritt im Hotelzimmer — Nadja, Herta und Kurt.

H e r t a: Liebe Nadja, nehmen Sie bitte Platz! Jetzt wollen wir uns ein wenig über unsere Aufgabe unterhalten. Wir, Kurt und ich, können zwar ein wenig Russisch, aber...

K u r t: ... brauchen doch eine gute Dolmetscherin. Sie sprechen fließend 3 deutsch. Wir hoffen, Sie werden uns gute Hilfe leisten 4, Ach, sehen Sie, das ist wieder so eine Redewendung!

N a d j a: Ich kenne sie schon lange. Was ist aber besser, «helfen», oder «Hilfe leisten»?

K u r t: Das ist schwer zu sagen. Man hört beides. 5 Ich glaube, das Einfachere ist immer das Bessere.

H e r t a: Sicher. Nun zur Sache! Sie sind also sieben Tage frei, Nadja?

N a d j a: Ja. Machen wir schon heute den Anfang 6? Werden Sie mich mit Ihrem Plan bekannt machen?

H e r t a: Ja, aber zuerst werden wir frühstücken oder, wenn Ihnen der Ausdruck besser gefällt,



1  der Ansicht (Meinung, Auffassung) sein = denken, glauben, meinen — полагать, думать, считать

2  Platz nehmen — садиться

3  fließend sprechen — бегло говорить

4  Hilfe leisten — оказывать помощь

5  Man hört beides. — Говорят и то и другое.

6  den Anfang machen — положить начало, начинать

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das Frühstück einnehmen
1. Das klingt freilich etwas offiziell. Kommen Sie mit uns in den Speisesaal, Nadja. Bitte!

N a d j a: Ich habe aber keinen Hunger.

K u r t: Kein Aber 2, bitte! Kommen Sie, und ich sage Ihnen ein schönes Sprichwort mit «aber».

N a d j a: O, dann bin ich bereit, ein zweites Mal zu frühstücken oder «ein zweites Frühstück einzunehmen». So heißt es doch? Also, welches Sprichwort wollten Sie mir sagen?

K u r t: «Kein Mensch ist ohne Aber.»

N a d j a: Aha! Das heißt russisch so: «Нeт чeловeкa бeз нeдостaтков».

Unter solchen Gcsprächen begaben sie sich zu dritt in den Speisesaal des Hotels.

DER APPETIT KOMMT BEIM ESSEN

Und nun sitzen sie in dem schönen, großen Saal und speisen.

N a d j a: Hier ist es schön, und das Frühstück ist gut. Aber ich habe leider keinen Appetit.

K u r t: Der Appetit kommt beim Essen. Wissen Sie das?

N a d j a: Ja. Das ist ja ein bekanntes Sprichwort. Kennen Sie übrigens auch Redewendungen mit «essen»?

K u r t: Ja, zum Beispiel «dem Essen zusprechen 3». Wenn man Hunger hat, so spricht man dem Essen zu. Es gibt auch allerlei Redewendungen, die mit Speisen oder Lebensmitteln verbunden sind. Und da wir gerade beim Frühstücken sind und Eier essen ...

H e r t a: Oh, da kann ich gleich ein Beispiel anführen! Kurt, siehst du den jungen Mann dort am Nebentisch? Sieht er nicht aus wie aus dem Ei gepellt 4?

K u r t: Oder geschält. Man sagt beides. Ja, so sieht er wirklich aus.

N a d j a: Was heißt das? Ich habe gar nichts verstanden.

K u r t: Das hartgekochte Ei ist ganz weiß. Also — ?

N a d j a: Ich verstehe immer noch nichts. Vielleicht habe ich ein Brett vor dem Kopf 5?



1  das Frühstück einnehmen (zu sich nehmen) — завтракать

2  Kein Aber! — Без возражений!

3  dem Fssen zusprechen — есть с аппетитом, налегать на еду

4  wie aus dem Ei gepellt (geschält) aussehen (sein)быть одетым с иголочки

5  ein Brett vor dem Kopf haben (разг.) — быть глупым, тупым

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H e r t a (
lacht) Das glaube ich kaum. Manche Redewendungen sind wirklich nicht leicht zu verstehen. Wie aus dem Ei gepellt oder geschält sind Menschen, die außerordentlich sauber gewaschen und frisiert sind und in neuen, modernen Kleidern stecken. Wie Sie, Nadja.

K u r t: Jetzt ist das Mädchen ganz rot geworden.

N a d j a (notiert): «Rot werden — краснеть.» Auch das ist Phraseologie. Aber kehren wir zu den Eiern zurück!

K u r t: Sehen Sie die beiden Damen an dem Tisch dort in der Ecke, Die sehen sich gleich wie ein Ei dem andern 1. Vielleicht ist es Zwillinge.

H e r t a: Genug mit den Eiern! Sonst werde ich im ganzen Leben keine mehr essen können. — Nadja, warum streichen sie sich keine Butter aufs Brot? Bitte, nehmen Sie!

N a d j a: Damit alles in Butter 2 ist?

K u r t: Hilfe! Wieder eine Redewendung!



1  sich gleichsehen (gleichen) wie ein Ei dem andernбыть похожим как две капли воды

2  См. стр. 10, сноску 1.

3  Hilfe!здесь: Караул!

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H e r t a: Jetzt werde ich bald auch keine Butter mehr essen können.

N a d j a: Warum denn? Butter ist doch in der Phraseologie das Symbol von etwas Gutem.

K u r t: Im Leben ist es auch nichts Schlechtes. Ah, da kommt unser Kakao! Darf ich Ihnen einschenken, Nadja? Aber bitte, ohne Redewendung! Gut?

N a d j a: Einverstanden, unter einer Bedingung: wenn Sie versprechen, mich mit meinen Redewendungen nicht mehr durch den Kakao zu ziehen 1.

EIN BUCH MIT SIEBEN SIEGELN 2

Nach dem Frühstück gingen Herta, Nadja und Kurt in Hertas Hotelzimmer, um einige Fragen zu besprechen.

H e r t a: Liebe Nadja, die Sache ist so: Unser Film heißt «Sieben Tage in Moskau». Jeder «Tag» soll sieben kleine Episoden enthalten.

K u r t: Sieben mal sieben ist neunundvierzig. Neunundvierzig Episoden.

N a d j a: Warum gerade sieben, und nicht sechs oder acht?

H e r t a: Wieviel Tage hat die Woche?

N a d j a: Sieben. Das verstehe ich. Aber wozu brauchen Sie jeden Tag gerade sieben Episoden? Das ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln.

K u r t: Sehen Sie, Nadja, sieben ist eben eine besondere Zahl. Sie spielt eine große Rolle in der Mythologie und in den Sprachen vieler Völker.



1  jemanden durch den Kakao ziehen — подшучивать, подсмеиваться над кем-либо 

2  ein Buch mit sieben Siegelnкнига за семью печатями

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N a d j a: Richtig, auch in der russischen Sprache ist es so. Da gibt es z.
В. ein Sprichwort: «Семеро одного не ждут» — «Sieben warten nicht auf Einen». Und noch eins: «Семь раз отмерьодин раз отрежь!» — das heißt: «Sieben Mal miß — einmal schneide!» Und was gibt es im Deutschen?

Н e r t a:  Wer will gute Kuchen backen,

 der muß haben sieben Sachen ...

N a d j a: Aсh, den alten Kinderreim habe ich auch einmal gelernt!

Н e r t a: Nadja, kennen Sie auch das Märchen vom taрferen Schneiderlein, das sieben Fliegen mit einem Sсhlag tötete?

N a d j a: Убил семерых одним ударом? Здорово!

Н e r t a: Здорово — Prima! Kenne ich schon. Und da sind noch die Märchen von den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen und von den sieben Schläfern, die so lange schliefen, und von den Siebenmeilenstiefeln, mit denen man so schnell laufen kann.

N a d j a: Im Russischen gibt es das auch: идти семимильными шагами. Solche Stiefel zu haben, war der Traum der Menschheit, als es noch keine Autos und keine Flugzeuge gab. Der Ausdruck wird wohl jetzt nicht mehr gebraucht?

Н e r t a: O doch, aber meist im übertragenen Sinn 1. In den Zeitungen kann man manchmal etwa so einen Satz finden: «Mit Siebenmeilenstiefeln schreiten wir voran, dem Planziel entgegen ...»

N a d j a: Wie schön, daß Sie mir alles erklären! Ich bin im siebenten Himmel!

К u r t: Sie gebrauchen diese Redewendung schon zum zweiten Мal. Wissen Sie denn auch, woher sie stammt? — Nicht? — Das ist orientalische Mythologie. 2 In verschiedenen Religionen bestand der Glaube an sieben Himmel. Der siebente, der höchste, bedeutete die Vollendung, die  Seligkeit. Das war natürlich ein primitiver Glaube, eine naive Phantasie. Aber die Redewendung ist uns geblieben.

Н e r t a: Das ist ja alles sehr interessant. Aber ich denke, wir wollen uns jetzt nicht länger aufhalten, sondern einen kleinen Spaziergang durchs Zentrum machen.



1  Im übertragenen Sinnв переносном смысле

2  Das ist orientalische Mythotogie.Это из восточной мифологии.

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SIND SIE IM BILDE 1?

N a d j a: Kennen Sie Moskau?

H e г t a: Ein wenig. Aus Zeitungen und Berichten von Freunden und Bekannten.

K u r t: Wir haben auch eine Karte von Moskau studiert, sind aber noch nicht ganz im Bilde.

N a d j a: Danke — für das «Bild». «Ich bin im Bilde» — Nummer 506! Nochmals vielen Dank!

H e r t a: Keine Ursache. Sie helfen uns, und wir werden uns bemühen, Ihnen zu helfen.

K u r t: Herta, du mußt sagen: Wir werden uns alle Mühe geben 2, wir werden alle Hebel in Bewegung setzen 3, um Ihnen behilflich zu sein 4.

N a d j a: Sie meinen das wohl ironisch, Herr Bruck?

K u r t: Keine Spur 5, Fräulein Nadja!

H e r t a: Genug, Kinder, los! Wir sehen uns zuerst einmal Ihre Hauptgeschäftsstraße an — die Gorkistraße. Aber wie gelangen wir dorthin?

N a d j a: Auf Schusters Rappen 6.

K u r t: Wa-a-as? Das ist ja allerhand! 7 Und wissen Sie auch, was der Ausdruck bedeutet?

N a d j a: Zu Fuß. Aber warum eigentlich? Ein Rappen ist ein schwarzes Pferd, und ein Schuster ist dasselbe wie ein Schuhmacher. Wie soll man das verstehen?

Н e r t a: Schwarze Schuhe nennt man die «Rappen des Schusters».

N a d j a: Ach so! Es ist also eine Metapher. Sehr interessant! Jetzt bin ich im Bilde.

DIE GORKISTRAßE AUF UND AB 8

Dieses Gespräch fand auf dem Swerdlowplatz statt. Herta und Kurt hatten ihre Kameras (Fotoapparate) mitgenommen. Sie fotografierten alles, was ihnen gefiel. Nadja gab die nötigen Erklärungen. Sie gingen die Gorkistraße hinauf.



1  im Bilde seinбыть в курсе дела, быть информированным

2  sich alle Mühe gebenприлагать все усилия

3  alle Hebel in Bewegung setzenнажать на все кнопки

4  jemandem behilflich seinпомогать кому-либо

5  Keine Spur! — Ничего подобного!

6  auf Schusters Rappen — пешком, на своих двоих

7  Das ist ja allerhand! — Ну и ну! Вот это да!

8  auf und ab — вверх и вниз, туда и обратно

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N a d j a: Die drei Theater auf dem Swerdlowplatz haben Sie bereits gesehen. Hier bekommen Sie gleich ein viertes zu Gesicht
1: das Jermolowa-Theater. Herr Bruck, warum schauen Sie mich denn so sonderbar an? Habe ich einen Fehler gemacht?

K u r t: Das nicht, aber...

Н e r t a: Lieber Kurt, ich sehe, Nadjas Deutsch verschlägt dir die Sprache 2.

К u r t: Herta, ich fühle, wir werden mit dem Mädchen noch unser blaues Wunder erleben 3. Übrigens — ist das hier nicht das Gebäude des Moskauer Sowjets?

N a d j a: Richtig. Und hier sehen Sie das Juri-Dolgoruki-Denkmal, dahinter das Institut für Marxismus-Leninismus. So, und nun gehen wir weiter, zum Puschkinplatz. Bitte, richten Sie Ihre Blicke auf das Puschkindenkmal!

K u r t (lacht und weint gleichzeitig): Ja ... ich richte... meine Blicke...

N a d j a (zu Herta): Herr Bruck lacht Tränen 4. Warum? Habe ich etwas Dummes gesagt?

Н e r t a: Dummes? Nein, nein. Dumm ist das nicht, aber ...

N a d j a: Was denn? Warum lacht er denn so?

H e r t a: Übersetzen Sie genau «Richten Sie Ihre Blicke...»!

N a d j a: Устремите свои взоры...!

Н e r t a: Sagt man russisch so, im täglichen Leben?

N a d j a: Nein, Sie haben recht. Der Stil ist zu gehoben. Es klingt wahrscheinlich komisch.

Н e r t a: Sie müssen mehr moderne deutsche Prosa lesen, Nadja.

K u r t: Was ist denn dort für ein interessantes Gebäude?

N a d j a: Das ist das neue Großkino «Rossija». Gefällt Ihnen die Bauart?

Н e r t a: Ich finde sie sehr schön.

N a d j a: Nebenan in der Tchechowstraße befindet sich das Theater des Leninschen Komsomol, und hier, wenn wir weiter die Gorkistraße hinaufgehen, sehen Sie das Stanislawski-Schauspielhaus.



1  zu Gesicht bekommen — увидеть

2  das verschlägt mir die Sprache (die Rede) — я от этого теряю дар речи; у меня от этого отнимается язык

3  sein blaues Wunder erleben — насмотреться чудес, наслушаться небылиц

4  Tränen lachen — хохотать до слёз

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Н
e r t a: O, wie viele Theater!

К u r t: Moskau ist die bedeutendste Theaterstadt der Welt. Das wissen wir ja.

N a d j a: Und hier erhebt sich vor Ihren Blicken eines der schönsten Museen der Stadt: das Revolutionsmuseum.

Н e r t a: O, davon habe ich schon gehört.

K u r t: Nadja, warum wieder so poetisch — «erhebt sich vor Ihren Blicken»? Warum nicht einfach: «sehen Sie»?

N a d j a: Poesie ist doch schöner als Prosa!

Н e r t a: Es sind verschiedene Sphären. Man muß sie gut unterscheiden.

N a d j a: Ob ich nun sage «erhebt sich vor Ihren Blicken» oder einfach «sehen Sie» — fällt denn der Unterschied wirklich so ins Auge 1?

К u r t: In der Umgangssprache sagt man: ist der Unterschied so groß? — Ja, es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht 2. Aber wo sind wir denn?

N a d j a: Am Majakowskiplatz. Dort drüben ist das Denkmal des Dichters, rechts das Staatliche Puppentheater, das von Obraszow geleitet wird. Und hier der Tschaikowski-Konzertsaal.

Н e r t a: Nadja, schauen Sie doch bitte, wann hier ein Schostakowitsch-Konzert stattfindet.

N a d j a: Erst nächste Woche. Aber hier im Kiosk gibt es Karten für die Schostakowitsch-Operette «Moskau — Tscherjomuschki».

Н e r t a: Für die Musik von Schostakowitsch bin ich nämlich Feuer und Flamme 3.

HALS- UND BEINBRUCH! 4

Unsere Freunde besorgten sich Konzertkarten und gingen dann weiter, zu Fuß zum Belorussischen Bahnhof und zurück. Drei Stunden dauerte der Spaziergang durch die Gorkistraße. Als sie ihr Hotel erreichten, war es schon Zeit, zu Mittag zu essen, und sie gingen in den Speisesaal. An den Tischen ringsum hatten sich mehrere Touristen aus der DDR



1  ins Auge fallen — бросаться в глаза

2  es ist ein Unterschied wie Tag und Nachtэто как небо и земля; большая разница

3  Feuer und Flamme seinсильно увлекаться

4  Hals- und Beinbruch!Ни пуха, ни пера!

19


niedergelassen, die ebenfalls im Hotel Berlin wohnten. Kein Wunder, daß man viel Deutsch zu hören bekam
1. Nadja wollte sich nichts entgehen lassen 2, saß still da und war ganz Ohr 3. Sie bekam aber nur Fragmente von Gesprächen zu Gehör.

Kurt machte währenddessen einige Aufnahmen für eine Episode, die «Im Moskauer Hotel Berlin» heißen sollte. Herta hatte sich in Schweigen gehüllt 4.

Eben hatte am Nebentisch jemand laut: «Hals- und Beinbruch!» gerufen.

N a d j a: So was! Aber so etwas! Kaum zu glauben!

Н e r t a: Was ist denn los, Nadja?

N a d j a: Haben Sie denn nicht gehört? Da wünscht einer einem andern, daß er sich den Hals und die Beine brechen soll.

Н e r t a: Aber, Kind, im Gegenteil 5!

N a d j a: Was heißt «im Gegenteil»? Wünscht er ihm vielleicht etwas Gutes?

К u r t (hat alles gehört, kommt, setzt sich): Aber natürlich, Nadja. Das ist doch ein GIückwunsch. Wissen Sie das nicht?

N a d j a: Schöner Glückwunsch! Нечего сказать! Wollen Sie mir vielleicht einen Bären aufbinden 6?

K u r t: Nicht im geringsten. 7

Н e r t a: Hals- und Beinbruch wünscht man jemandem wenn man von ihm etwas Schlechtes abwenden will. Es ist ein Ausdruck der Flieger und früher wohl der Bergsteiger.

N a d j a: Aha: «Ни пуха, ни пера!» im Russischen. Das kommt aus der Jägersprache. Aber das ist doch alles dummer Aberglaube!



1  zu hören bekommen (zu Gehör bekommen)слышать

2  sich nichts entgehen lassen — ничего не упускать

3  ganz Ohr sein — внимательно прислушиваться

4  sich in Schweigen hüllenтаинственно молчать

5  im Gegenteilнапротив

6  jemandem einen Bären aufbindenрассказывать кому-либо небылицы, надувать кого-либо

7  Nicht im geringsten.Никоим образом.

20


Н
e r t a: Sicher, wenn man an den Ursprung solcher Redewendungen denkt. Aber daran denkt jetzt keiner mehr.

К u r t: So ist es noch mit vielem in der Sprache. Vergessen wir doch nicht, daß die meisten Redewendungen in grauer Vorzeit entstanden sind.

N a d j a: In grauer Vorzeit — vor vielen, vielen Jahren. Gibt es auch eine «graue Zukunft»?

Н e r t a: Ich denke, für uns nicht. Wir können ruhig in eine helle Zukunft blicken. Und darum — Hals- und Beinbruch!

BRECHEN SIE FÜR MICH EINE LANZE 1!

Nach dem Mittagessen ruhten sich Kurt, Herta und Nadja ein wenig aus und plauderten. Worüber?

K u r t: Falsch gebrauchte Redewendungen, Nadja, wirken komisch. Da erinnere ich mich an eine lustige kleine Geschichte.

N a d j a: Lustige Geschichten höre ich immer gern, ebenso wie Redewendungen. Ich bin ganz Ohr.

K u r t: In Berlin, am Bahnhof Friedrichstraße...

N a d j a: Übrigens — sonst vergesse ich es — sagen Sie mir doch bitte, bitte, noch ein paar Ausdrücke mit «Ohr»!



1  eine Lanze brechen (einlegen) fьr jemanden — выступать в интересах кого-либо, вступиться за кого-либо (die Lanze — копьё, пика; ср. копья ломать)

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H e r t a: Wer eine Fremdsprache lernt, muß ein feines Ohr für die Aussprache haben
1.

N a d j a: Das heißt, er muß sie schnell und richtig erfassen, nicht wahr?

H e r t a: Ja. Er muß auch, wenn diese Sprache irgendwo gesprochen wird, die Ohren spitzen 2 und gut zuhören. Man kann auch «ein schlechtes» oder «ein taubes Ohr für etwas haben», d. h. etwas nicht verstehen wollen oder können. Jetzt aber Ruhe! Kurt, du hast das Wort.

N a d j a: Ich verspreche, ich werde Ihnen nicht mehr ins Wort fallen 3.

K u r t: Gut, Nadja, ich werde Sie beim Wort nehmen 4. Also, das war in Berlin, am Bahnhof Friedrichstraße. Da steht ein junges Mädchen mit einem Koffer. Sie wendet sich an einen Gepäckträger. Wie heißt das russisch, Nadja?

N a d j a: Носильщик. Sie haben mich gefragt, ich habe geantwortet. Ich bin Ihnen nicht ins Wort gefallen, nicht wahr? Ich habe mein Wort nicht gebrochen 5. Oder doch?

K u r t: Nadja, Ihre Kunst, Redewendungen anzuwenden, ist fabelhaft. Na schön, also weiter im Text 6.

N a d j a: Neu! (Notiert): «Weiter im Text!»

K u r t: Das Mädchen war eine Russin. Also, sie sagt zu dem Mann: «Herr Gepäckträger, brechen Sie bitte für mich eine Lanze!»

H e r t a (lacht): Wie komisch!

N a d j a: Ich spreche auch so, ja?

K u r t: Manchmal. Aber hören Sie weiter! Der Mann macht große Augen und fragt: «Was soll ich brechen?»

N a d j a: Eine Lanze! Ist denn das falsch? Das bedeutet doch: helfen oder Hilfe leisten 7, beistehen oder Beistand leisten 8, unterstützen oder Unterstützung angedeihen lassen 9...

H e r t a (ist aufgesprungen): Nein, Kinder, das geht auf keine Kuhhaut!



1  ein feines Ohr für etwas haben  быстро воспринимать (замечать) что-либо

2  die Ohren spitzen  навострить уши

3  jemandem ins Wort fallen  прерывать, перебивать кого-либо

4  jemanden beim Wort nehmen  потребовать от кого-либо выполнить обещанное; поймать кого-либо на слове

5  das Wort brechen  нарушить обещание

6  Weiter im Text!  Продолжаем! Дальше!

7  Hilfe leisten  оказывать помощь

8  Beistand leisten  оказывать помощь

9  Unterstützung (Beistand) angedeihen lassen  оказывать помощь (стилистически выше, чем сн. 7 и 8)

22


N
a d j a: Das heißt: Это уж чересчур? Sehen Sie, Sie sprechen ja selbst so!

H e r t a: Aber doch ohne Lanzen! Liebe Nadja, man muß doch gut verstehen, was man sagt. Hören Sie zu: Das war im Mittelalter. In der Schlacht oder beim Turnier suchten die Ritter ihre Gegner mit der Lanze zu treffen. Sie schonten ihre Lanzen nicht, selbst auf die Gefahr hin 1, daß sie zerbrachen. In der Umgangssprache wird diese Redewendung nicht gebraucht. Sie ist am Platz, wo es sich um einen Streit, eine Diskussion, ein öffentliches Auftreten handelt 2.

K u r t: Sprechen Sie möglichst einfach, Nadja, das ist immer das Beste. Klar?

EIN PLAN WIRD AUSGEARBEITET

H e r t a: So, jetzt machen wir unseren Plan für die Woche.

N a d j a: Machen? Macht man einen Plan? Ich habe gelesen, dman Pläne schmiedet 3.

K u r t: Pläne schmieden  ja, den Ausdruck findet man bei unseren Klassikern. Jetzt wird er selten gebraucht, und meistens nur im schlechten Sinn: feindselige, böse, heimliche Pläne schmieden. Manchmal gebraucht man ihn ironisch.

H e r t a: Zur Sache! Fräulein Nadja, wir wollen in unserem Film zeigen, wie Moskau im Sommer lebt.

N a d j a: Wie es leibt und lebt. Das habe ich bei Heine gelesen. Kann man heute noch so sagen?

H e r t a: Ja. Man hört oft: «Berlin, wie es leibt und lebt».

N a d j a: Берлин таков, каков он есть. Klar.

H e r t a: Also, ich mache folgenden Vorschlag: 1. Tag, heute: «Erste Bekanntschaft mit Moskau». 2. Tag, Fortsetzung: «Kreuz und quer durch Moskau».

N a d j a: Kreuz und quer 4  Wortpaar, Phraseologie! Wunderbar! Angenommen! 3. Tag?

H e r t a: «Die schönsten Bauten der Stadt und die großen Bauarbeiten».

N a d j a: Nennen wir das so: «Moskaus Bauten und Moskau im Bau»!



1  selbst auf die Gefahr hin, d  не считаясь даже с тем, что

2  es handelt sich um  дело (речь) идёт о

3  Pläne schmieden  строить планы, замышлять что-либо

4  kreuz und quer  вдоль и поперёк

23


K
u r t: Das klingt nicht übel. Sie verstehen etwas, Nadja. Das Thema des 4. Tages ist Arbeit.

N a d j a: «Arbeit bringt Freude».

H e r t. a: Gefällt mir. Nach der Arbeit kommt die Erholung. Wie nennen wir den 5. Tag?

N a d j a: 5. Tag: «Moskau treibt Sport». Kurz und bündig 1. Sie sehen, liebe Freunde, Redewendungen geben der Sprache Saft und Kraft 2. Nun ist der 6. Tag an der Reihe. Ich mache den Vorschlag: «Kunst und Wissenschaft in Moskau».

K u r t: Nicht schlecht. Aber wir müssen uns auch noch die herrlichen Moskauer Parks ansehen. Wie soll der 7. Tag heißen?

N a d j a: Vielleicht «Wie erholt sich der Moskauer»?

H e r t a: Einverstanden. Und was würden Sie, Nadja, uns für morgen empfehlen, fürs Thema «Kreuz und quer durch Moskau»?

N a d j a: Folgendes. Fahren wir heute abend in meine Schule zur Abschiedsfeier der 10. Klasse! Es wird sehr schön sein. Und morgen früh um 6 Uhr geht's dann zum Roten Platz und zum Moskwaufer. Es wird gesungen, gespielt, gelacht, getanzt. Man nimmt Abschied 3 von der Schule.

K u r t: Das mschön sein! Wenn uns Ihr Direktor einlädt...

N a d j a: Dafür werde ich schon Sorge tragen 4! Wenn Sie das alles gut filmen, garantiere ich einen großen Erfolg.

H e r t a: Und was kommt dann an die Reihe 5?

N a d j a: Der Kreml. Wenn es möglich ist, besichtigen wir die Wohnräume Lenins.

H e r t a: Und dann?

N a d j a: Den Kongreßpalast, die alten Kirchen, die Rüstkammer, Zar-Puschka  die Riesenkanone, und Zar-Kolokol  die Riesenglocke. Das alles mman gesehen haben. 6

H e r t a: Und dann?

N a d j a: Wenn es Sie interessiert, können wir durch einige Warenhäuser bummeln. Am Roten Platz steht unser



1  kurz und bündig  коротко и ясно

2  Saft und Kraft geben  придавать большую силу

3  Abschied nehmen — прощаться

4  Sorge tragen für etwasпозаботиться о чем-либо

5  an die Reihe kommen  быть на очереди

6  Das mman gesehen haben.  Это надо видеть собственными глазами.

24


grö
ßtes Warenhaus, es heißt russisch GUM. Von dort gehen wir ins Warenhaus «Detski Mir»  Welt des Kindes. (Nadja tritt ans Fenster.) Sehen Sie, hier ist es. Groß, wie? Riesig! Dann können Sie im Kleinpark auf dem Swerdlowplatz filmen, auch auf dem Puschkinplatz und auf dem Arbatplatz. Sie müssen das Puschkin- und das Gogoldenkmal aufnehmen. Von dort ist's ein Katzensprung 1 zum Konservatorium mit dem Tschaikowski-Denkmal.

H e r t a: Ihr Plan, Nadja, gefällt uns. Wir nehmen ihn an.

WAS FÜHREN SIE IM SCHILDE 2?

N a d j a: Liebe Freunde, tun Sie mir den Gefallen 3 und besuchen Sie in dieser Woche auch unseren Zoologischen Garten.

K u r t: Gern. Aber warum? Sagen Sie, Nadja, was hren Sie im Schilde? Kennen Sie übrigens diese Redewendung?



1  ein Katzensprung  рукой подать

2  etwas im Schilde führen  замышлять что-либо

3  jemandem einen Gefallen tun  сделать одолжение кому-либо

25


N
a d j a: Der Schild heißt щит, das Schild вывеска. Das sind Homonyme. Welche Bedeutung des Wortes «Schild» haben Sie im Auge 1?

K u r t: Welche ich meine? Die erste. «Etwas im Schilde führen» heißt: eine bestimmte Absicht haben. Verstehen Sie?

N a d j a: Ja. Aber ich verstehe nicht, warum man so sagt.

K u r t: Diese Redensart stammt aus dem Mittelalter. Die Ritter kämpften mit geschlossenem Visier.

N a d j a: С опущенным забралом. Aha, und deshalb trugen sie im Schilde Zeichen und Bilder, an denen sie einander erkennen konnten?



1  См. стр. 5, сноску 7. [jemanden (etwas) im Auge haben — имeть в виду кого-либо (что-либо)]

26


K
u r t: Ja, so ist es. Also noch einmal, Nadja: was führen Sie im Schilde? Warum wollen Sie uns unbedingt in den Zoo schleppen?

N a d j a: Gar nichts führe ich im Schilde! Ich habe Tiere sehr gern. Wir haben einen schönen Zoo, und ich möchte, dSie mit mir die Tiere ansehen.

H e r t a: Gibt es dort auch Löwen?

N a d j a: Ja, gewiß. Aber warum fragen Sie?

H e r t a: Ich habe mich an eine Redensart erinnert. Wissen Sie, was das heißt: «sich in die Höhle des Löwen wagen»?

N a d j a: Отважиться вступить в логово льва. Das kenne ich schon.

H e r t a: Gut, Nadja, wir gehen mit Ihnen in den Zoo und schauen uns auch die Löwen an.

MÖCHTEN SIE IM SCHLARAFFENLAND 1 LEBEN?

N a d j a: Diese Woche werde ich im Schlaraffenlande leben, wo Milch und Honig fließt.

H e r t a: Wissen Sie denn, wo dieses Land liegt?

N a d j a: Natürlich. In Moskau, im Hotel Berlin. Für mich.

K u r t: Milch und Honig können Sie bei uns im Cafè bekommen, soviel Sie wollen, bitte sehr.

N a d j a: Es handelt sich nicht darum 2! Ich meine die Praxis in der deutschen Sprache. Was heißt eigentlich «Schlaraffe»? Ist hier das Wort «Affe» eingeschlossen?

K u r t: Ja. «Slur-Affe» hieß «fauler Affe». Das Märchen vom Schlaraffenland findet sich zuerst bei Hans Sachs, dem bekannten Dichter des 16. Jahrhunderts. Er erzählt, deinem in diesem wunderbaren Lande gebratene Tauben in den Mund fliegen.

N a d j a: Oho, daran glaubt niemand. Jeder kennt ja das Sprichwort «Gebratene Tauben fliegen einem nicht ins Maul» — «Жареные голуби сами в рот не летят».



1  das Schlaraffenland  сказочная страна, где в кисельных берегах текут молочные реки

2  См. стр. 23, сноску 2. [es handelt sich um  дело (речь) идёт о]

27


WIE HOCH SIND IHRE FORDERUNGEN? 1

H e r t a: Nadja, ich habe an Sie noch eine delikate Frage. Wie hoch sind Ihre Forderungen?

N a d j a: Wie? Sie wollen mir Geld zahlen?

K u r t: Aber natürlich. Für Ihre Arbeit.

N a d j a: Geld  das kommt nicht in Frage 2.

H e r t a: Und was dann?

N a d j a: Redewendungen: Schenken Sie mir jeden Tag eine halbe Stunde, in der ich das Kommando führe 3.

K u r t: Sehr gern, sogar eine ganze Stunde. Wir werden sie «Nadja-Stunde» nennen.

H e r t a: Einverstanden. Aber jetzt müssen wir Schluß machen 4. Denn wenn wir heute die halbe Nacht bei Ihnen in der Schule verbringen sollen, dann müssen wir uns jetzt für einige Stunden schlafen legen. Nadja, können Sie heute Nacht bei mir schlafen?

N a d j a: Das liegt im Bereich des Möglichen. 5

H e r t a: Ach, Nadja, warum sprechen Sie wieder so gekünstelt? Sagen Sie doch einfach «Das ist möglich» oder «Das geht».

K u r t: Und telefonieren Sie doch gleich dem Schuldirektor und Ihren Eltern!

Nadja rief den Direktor und die Mutter an. Der Direktor sagte sofort: «Aber bitte! Wir werden uns sehr freuen.» Und auch Nadjas Eltern waren mit allem einverstanden. Sie kannten ja ihre Tochter.

Vor dem Einschlafen, als Herta im andern Bett schon süß schlummerte, flüsterte Nadja: «Gorkistraße... Majakowskiplatz... Puppentheater... Juri Dolgoruki... Nadja-Stunde...»



1  Wie hoch sind Ihre Forderungen?  Как оплатить Ваш труд?

2  См. стр. 8, сноску 1. [(Das) kommt nicht in Frage!  Об этом не может быть и речи! (Никоим образом!)]

3  das Kommando führen — командовать

4  Schluß machen — кончать

5  Das liegt im Bereich des Möglichen. — Это в пределах возможного. (возвышенный стиль)

(28)


Zweiter Tag

KREUZ UND QUER DURCH MOSKAU

Eines weiß ich genau  das hat mir Nadja selbst gesagt: der Tag, an dem ich sie mit den beiden deutschen Filmleuten bekannt gemacht habe, wird einer der schönsten in ihrem Leben bleiben. Zwei Ereignisse fielen an diesem Tage zusammen: die Schlußfeier in der Schule, in der sie zehn Jahre lang gelernt hatte, und die Bekanntschaft mit Herta und Kurt. Und am nächsten Morgen sollte ja die Arbeit beginnen, die erste im Leben, eine große und schwere Arbeit. Wird Nadja diese Prüfung bestehen? Wird sie ihren Mann stehen 1?

Als nach wenigen Stunden Schlaf der Wecker klingelte, standen Herta und Nadja rasch auf: sie wollten ja zur Abschiedsfeier in die Schule! Per Telefon riefen sie auch Kurt wach, und während sie sich wuschen, kämmten und ankleideten, kam es zu folgendem Gespräch 2.

WIRD NADJA IHREN MANN STEHEN?

N a d j a: In der Schule hatte ich nie Angst vor Prüfungen. Ich habe sie immer gut bestanden. Aber jetzt, im Leben...

H e r t a: Nur keine Angst! Nadja, Sie werden schon ihren Mann stehen.

N a d j a: Meinen Mann stehen? (Im Scherz.) Ich bin aber doch kein Mann!

H e r t a: Daran habe ich nie gezweifelt.

N a d j a: Dann verstehe ich nichts. Glauben Sie, dein Mann mehr wert ist als eine Frau?



1  seinen Mann stehen  уметь постоять за себя; не ударить лицом в грязь

2  Es kam zu einem Gespräch. — Завязалась беседа.

29


H
e r t a: Nein, liebe Nadja. Aber die alten Germanen, die diese Redewendung geschaffen haben, sie haben das fest geglaubt. Übrigens, «Mann» ist ja hier «Soldat, Kämpfer». Er mußte im Kampf seinen Mann stehen, d. h. er durfte nicht fliehen vor der Gefahr.

N a d j a: Wenn die alten Germanen Sie gekannt hätten, Herta! Da hätten sie anders über die Frauen gedacht!

H e r t a: Und Sie, Nadja!  Jetzt schmieren wir uns beide Honig um den Bart 1.

N a d j a: Das können wir nicht, weil wir keine Bärte haben! Auch diese Redewendung haben die Männer geschaffen, ohne an uns zu denken.

Inzwischen war Kurt erschienen. Nachdem sie einen kleinen Imbiß zu sich genommen hatten 2, gingen sie zu dritt zur Abschiedsfeier der 10. Klasse in Nadjas Schule.

1. Episode: WENN MAN ABSCHIED NIMMT...

Der Abend in der Schule war sehr schön. Aber gegen ein Uhr nachts mußte man schließlich doch nach Hause fahren. Denn um sechs Uhr früh begann ja der Arbeitstag. Auch für Nadja. Da konnte sie sich mit Händen und Füßen wehren 3 sie wollte natürlich noch bleiben  es half ihr aber nichts. Sie mußte ins Bett.

Am frühesten Morgen waren sie dann schon zu dritt auf dem Roten Platz, Kurt mit der Filmkamera. Viele Gruppen fröhlicher Mädchen und Jungen in festlichen Kleidern hatten sich hier eingefunden, machten Spiele, sangen zur Gitarre ihre liebsten Lieder, tanzten zur Ziehharmonika und zogen scherzend und lachend in langen Reihen zum Ufer der Moskwa hinunter.

K u r t (filmt): Diese Szene wird unser deutsches Publikum sehr interessieren. Schöner Brauch! Schade, der bei uns in der DDR nicht eingeführt ist.

H e r t a: Du, Kurt, vielleicht beginnen wir unsern Film gerade mit dieser Szene?



1  jemandem Honig um den Bart schmieren  льстить кому-либо

2  einen Imbiß zu sich nehmen (einnehmen)  закусывать

3  sich mit Händen und Füßen wehren  отбиваться руками и ногами (всеми средствами)

30


N
a d j a: Glänzender Gedanke! Das wird bei allen sofort Interesse erwecken 1.

H e r t a: Nur eins verstehe ich nicht. Abschied von der Schule, von guten Kameraden, das mja eigentlich weh tun. Warum sind denn alle so fröhlich?

N a d j a: Weil sie etwas noch Schöneres erwartet  interessante Arbeit, wie bei mir, oder Studium. Und noch etwas: wir verlieren ja weder die Schule noch die Freunde und Kameraden. Wir werden sie oft sehen, Verzeihung, zu Gesicht bekommen 2. In der Schule findet jedes Jahr ein Treffen früherer Schüler statt.

K u r t: Und warum sagen Sie wieder «zu Gesicht bekommen» anstatt des einfachen Wortes «sehen»? Das paßt hier gar nicht.

N a d j a: Und wo paßt es?

K u r t: Hm. Stellen Sie sich vor: ein alter Freund hat Sie sehr lange nicht besucht und kommt nun eines Tages zu Ihnen. Sie begrüßen ihn mit den leicht ironischen Worten: «Ein Wunder, daß man dich mal wieder zu Gesicht bekommt!» Ist das klar? — Nadja, ich bitte Sie von ganzem Herzen: nehmen Sie Abschied von solchen unnötigen Redewendungen, wenigstens in der Umgangssprache.

N a d j a: Aha, «Abschied nehmen»! Das ist doch auch Phraseologie!

2. Episode: UNTER ALLER KANONE 3

Bis neun Uhr morgens gingen Herta, Nadja und Kurt im Zentrum spazieren. Punkt neun 4 standen sie vor dem Kreml. Sie schlossen sich einer Gruppe von deutschen Touristen an, deren Dolmetscher in deutscher Sprache Erklärungen gab. Sie sahen die Stellen, die mit Lenins Namen verbunden sind, sie bewunderten die zahlreichen Denkmäler alter und neuer Geschichte, an denen der Kreml so reich ist. Kurt filmte alles, was für die Menschen in der DDR von Interesse sein 5 konnte.



1  interesse erwecken (auslösen, erregen, hervorrufen)  вызывать (вызвать) интерес

2  См. стр. 18, сноску 1. [zu Gesicht bekommenувидеть]

3  unter aller Kanone  ниже всякой критики

4  Punkt neun  точно в девять

5  von Interesse sein  представлять интерес

31


Jetzt
standen sie vor der Riesenkanone, Zar-Puschka, die im Jahre 1586 gegossen worden ist.

K u r t: Großartig, dieses alte Geschütz!

N a d j a: Ja, nicht wahr?  Übrigens: Gibt es Redewendungen mit dem Wort «Kanone»?

K u r t: Was? Das wissen Sie nicht? Die Redewendung mit «Kanone» kennen Sie nicht? Sie, die große Spezialistin für Redewendungen? Das ist ja unter aller Kanone!

N a d j a: Oh, das ist bestimmt eine Redewendung! Ich kenne sie nicht.

H e r t a: Haben Sie den Sinn verstanden?

N a d j a: Ich glaube, ja. Heißt das nicht «unter aller Kritik»?

K u r t: Sehr richtig, Nadja.

N a d j a: Gut. Aber warum «Kanone»? Welche Rolle spielt hier die Kanone?

K u r t: Sehen Sie, das ist so: «Kanone» steht hier an Stelle von 1 «Kanon», d. h. Gesetz, Regel, Beispiel, Muster. Dieses Wort hat die selbe Wurzel wie das Wort «Kanal» — sie bedeutet etwas Gerades. Daraus entstand dann die Bedeutung «Gesetz».

N a d j a: Das ist aber doch wirklich unter aller Kanone!

H e r t a: Was denn, Nadja?

N a d j a: Dich das bis jetzt nicht gewußt habe!

K u r t (lacht): Ihre Kunst, sich neue Redewendungen rasch anzueignen, macht auf mich einen tiefen Eindruk 2.

3. Episode: WAS MACHT EINEN TIEFEN EINDRUCK?

Noch etwas macht auf Kurt Bruck einen tiefen Eindruck, diesmal im Ernst 3: der Lesehunger der Moskauer und die vielen Bücher!

Zusammen mit Herta und Nadja hat Kurt den Kreml verlassen. Sie gehen langsam zum Swerdlowplatz. Und da sehen sie an einigen Stellen im Freien 4 Verkaufsstände mit Büchern. Viele Passanten bleiben vor den Auslagen stehen, blättern in den Büchern und kaufen dies oder jenes. Das ist etwas für Kurt! Er filmt.



1  an Stelle von  вместо

2  Eindruck machen auf jemanden — производить впечатление на кого-либо

3  im Ernst  всерьёз

4  im Freien = unter freiem Himmel  под открытым небом

32


Dann
gehen die drei zu den Anlagen vor dem Großen Theater.

N a d j a: Nehmen wir auf dieser Bank Platz!

K u r t: Ich möchte mich einfach setzen. (Setzt sich.) 

N a d j a: Gibt es einen Unterschied zwischen «Platz nehmen» und «sich setzen»? (Setzt sich.)

H e r t a: Ja, einen stilistischen. Übrigens sagt jetzt Kurt absichtlich alles anders, als Sie es tun, Nadja. Einfacher.

N a d j a: Das habe ich bereits bemerkt. Warten Sie nur, Herr Bruck, Sie werden bald so viele Redewendungen von mir hören, dIhnen Hören und Sehen vergeht 1. Ich werde die Redewendungen geradezu aus dem Ärmel schütteln 2.

K u r t (ironisch): Solch eine Sprache macht auf mich den tiefsten Eindruck.

H e r t a: Und auf mich macht den tiefsten Eindruck, dman hier in Moskau so viel liest. Kurt, vielleicht filmen wir eine Episode «Moskau liest» oder «In Moskau liest man auf jeder Anlagenbank»?

N a d j a: Oder «In Moskau lesen alle durch die Bank 3». Überall dort, wo sich Gelegenheit bietet 4.

K u r t: Herta, du wirst gleich noch ein paar Dutzend Redewendungen mit «Gelegenheit» zu hören bekommen. Nadja, los!

N a d j a: Ein paar Dutzend  das ist wohl zu viel. Soviel gibt's gar nicht. Aber einige  bitte! Ich möchte die Gelegenheit beim Schopfe fassen 5. Ich habe nicht oft Gelegenheit, mit waschechten Deutschen 6 zu sprechen.

H e r t a: Nun aber genug, Nadja. Schauen Sie lieber auf diese herrlichen Blumenbeete, auf die blühenden Bäume und auf das Große Theater!

N a d j a: Es hat 2155 Plätze. Hier gibt es erstklassige Sänger und Ballettänzer. Ich persönlich mache mir nicht viel aus der Oper 7, ich gehe lieber ins Kleine Theater und sehe mir ein Schauspiel an. Ich wollte sogar selbst einmal



1  es verging ihm Hören und Sehen  у него голова кругом пошла; он опешил; он света (белого) не взвидел

2  aus dem Ärmel schütteln  сыпать как из рога изобилия

3  См. стр. 11, сноску l. [alle durch die Bank  все без исключения]

4  eine Gelegenheit bietet sich  представляется случай

5  die Gelegenheit beim Schopfe fassen  воспользоваться благоприятным случаем (моментом)

6  ein waschechter Deutscher — настоящий немец

7  sich (Dat.) nicht viel aus etwas machen — не интересоваться чем-либо; быть равнодушным к чему-либо

33


zur
Bühne 1. Da hat mir aber meine Freundin Valja den Kopf gewaschen 2! «Mach keine Dummheiten, Nadja», hat sie gesagt. «Du hast zu wenig Talent.» Da habe ich davon Abstand genommen 3.

H e r t a: Den Ausdruck «Abstand nehmen» haben Sie aber nicht richtig gebraucht, Nadja. Das ist zu offiziell und paßt hier gar nicht.

N a d j a: Aber wie kann man denn deutsch sagen: «Я от этого отказалась»?

H e r t a: «Ich habe es mir anders überlegt 4» oder «Ich habe den Gedanken aufgegeben 5».

N a d j a (notiert): Danke bestens  für zwei neue Redewendungen.

4. Episode: NADJA VERLIERT NIE DEN KOPF 6

Nach kurzer Erholungspause gingen Herta, Nadja und Kurt wieder zum Roten Platz zurück, diesmal ins Warenhaus GUM. Was dort geschah, das erfuhr ich abends aus einem Brief Kurts an seinen Bruder Julius, der Schiffbau-Ingenieur in Rostock (DDR) ist. Als ich ins Hotel Berlin kam, hatte Kurt den Brief soeben beendet. Er las ihn mir vor. Hier gebe ich nur das wieder, was mit dem Besuch des Warenhauses in Zusammenhang steht 7. Kurt schrieb also:

«Weißt du, was ,GUM‘ ist? Nein? Dann les dir sagen, das größte Warenhaus Moskaus. Es liegt auf dem Roten Platz, dem Kreml gegenüber. Hier haben wir heute gefilmt und ein kleines Abenteuer erlebt: wir haben Herta im Gedränge verloren! Sie schaute sich die Auslagen an und blieb zurück. Was tun? Sie spricht ja fast kein Russisch! Unsere tüchtige junge Dolmetscherin Nadja spricht zwar ein komisches Deutsch mit viel zuviel Redewendungen, die oft gar nicht passen, ist aber energisch und verliert nie den Kopf. Sie lief sofort in die Funkzentrale des Warenhauses,



1  zur Bühne (gehen) wollen  желать пойти на сцену, стать актёром (актрисой)

2  jemandem den Kopf waschen  «намылить голову» кому-либо; дать нахлобучку кому-либо

3  Abstand nehmen von etwas  отказываться от чего-либо

4  Ich habe es mir anders überlegt  Я передумал(а).

5  einen Gedanken aufgeben  отказываться от мысли

6  den Kopf verlieren  (по)терять голову

7  in Zusammenhang stehen  быть связанным с чем-либо

8  les dir sagen  послушай; да будет тебе известно

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und
bald erklang aus allen Lautsprechern Nadias Stimme: «Herta, wo sind Sie? Wir erwarten Sie in der 2. Halle, Mitte, am Springbrunnen.»

In zwei Minuten war Herta bei uns. Du kannst dir vorstellen, dmir ein Stein vom Herzen fiel 1.»

5. Episode: WEM WILL NADJA EINEN BÄREN AUFBINDEN 2?

«Wohin geht's jetzt?» fragte Herta nach ihrem kleinen Abenteuer im GUM und nachdem Kurt seine Arbeit beendet hatte. Nadja antwortete: «Ich möchte den Vorschlag machen, ins Kinderwarenhaus zu gehen. Es ist nur zehn Minuten von hier.»

Herta und Kurt waren einverstanden, und so machten sie sich auf den Weg 4.

Das Kaufhaus «Welt des Kindes» gefiel ihnen. Dort kann man alles finden, was Kinder sich wünschen und was Eltern für ihre Kinder brauchen, vom Babyhemdchen bis zum Backfischkostüm, vom Gummihäschen bis zum Metallbaukasten.

Kurt machte zahlreiche hübsche. Aufnahmen, darunter auch Nadja mit einem großen Teddybären auf dem Arm.

H e r t a: Nadja, wem möchten Sie diesen Bären aufbinden?

N a d j a: Warum sagt man eigentlich «einen Bären aufbinden»?

K u r t: Wie? Sie kennen diese gebräuchliche Redewendung nicht?

N a d j a: Doch. Ich weiß, was sie bedeutet: jemandem Märchen erzählen, etwas vorlügen, so wie es der Baron Münchhausen gemacht hat. Was hat das aber mit einem Bären zu tun 5?

K u r t: Gar nichts. Der «Bär» entstand wahrscheinlich aus dem alten Wort «ber», «bäre», das «Last» bedeutete. Wenn jemand seine Last einem anderen aufbindet, so daß



1  mir fällt ein Stein vom Herzen  у меня точно гора с плеч свалилась

2  См. стр. 20, сноску 6. [jemandem einen Bären aufbinden — рассказывать кому-либо небылицы, надувать кого-либо]

3  Wohin geht's jetzt?  Куда теперь (держим путь).

4  sich auf den Weg machen  отправляться в путь

5  (nichts) mit etwas zu tun haben  (не) иметь (никакого) отношения к чему-либо

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der
andere sie nun tragen muß, so hat er ihm einen Bären aufgebunden.

N a d j a: Ich danke Ihnen, Herr Bruck. Ist aber Ihre Erklärung der Entstehung dieser Redewendung wirklich richtig, oder wollen Sie mir vielleicht einen Bären aufbinden?

6. Episode: MAN SOLL DAS KIND NICHT MIT DEM BADE AUSSCHÜTTEN 1

Vom Warenhaus «Detski Mir» sind es zum Hotel Berlin zu Fuß zwei, drei Minuten. Auch wenn man langsam geht. Herta, Nadja und Kurt gingen aber schnell, denn sie hatten Hunger. Es war höchste Zeit 2, zu Mittag zu essen, und im Restaurant Berlin ißt man nicht schlecht. Das spielt auch eine gewisse Rolle... Aber obwohl Herta wirklich einen Bärenhunger hatte, bereitete ihr das Mittagessen doch kein Vergnügen 3. Schuld daran war Nadja, die in einem fort 4 Redewendungen gebrauchte. Als zuerst der Fischsalat kam, rief sie: «Da haben wir den Salat! 5» Zur Suppe bemerkte sie: «Wer hat uns denn diese Suppe eingebrockt 6?»

Da meinte Herta: «Ihre Redewendungen passen wie die Faust aufs Auge 7! ,Da haben wir den Salat‘ sagt man, wenn man unangenehm überrascht ist, und das war hier nicht der Fall 8. ,Jemandem eine Suppe einbrocken‘ heißt: ihm große Unannehmlichkeiten bereiten 9. Liebe Nadja, hören Sie meinen guten Rat: geben Sie Ihre Redewendungen lieber ganz auf!»

«Nein», sagte Kurt, «damit bin ich nicht einverstanden. Jetzt möchte ich auch mal eine Redewendung gebrauchen: Man darf das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.» Nadja schaute sofort ins Wörterbuch, das sie immer bei sich trug,



1  das Kind mit dem Bade ausschьtten  «вместе с водой выплеснуть и ребёнка», т. е. вместе с плохим лишиться и хорошего; хватить через край, перестараться

2  См. стр. 5, сноску 1. [Es ist hohe (или höchste) Zeit — Давно пора]

3  Vergnügen bereiten (machen, gewähren)  доставлять удовольствие

4  in einem fort  беспрерывно

5  Da haben wir den Salat!  Вот тебе на! Ну и сюрприз! Извольте радоватся!

6  jemandem eine Suppe einbrocken  заварить кашу

7  das paßt wie die Faust aufs Auge  это подходит как корове седло

8  das war hier nicht der Fall  в данном случаеэто не так

9  Unannehmlichkeiten bereiten  создавать неприятности

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und
verstand: Man darf das Gute nicht mit dem Schlechten wegwerfen. Kurt wollte also sagen: Nur auf die unpassenden Redewendungen soll man verzichten, nicht auf alle. Richtig.

N a d j a: Wie entstand denn die Redervendung von dem Kind, das man nicht mit dem Bade ausschütten soll?

K u r t: Sehr einfach. Man badet ein Kind. Man wäscht es mit Seife. Das Wasser wird schmutzig. Man mes ausschütten. Vorsicht, damit das Kind nicht Schaden leidet 1!

Jetzt kam das Kompott. Es blieb ohne Kommentar. Nadja schwieg.

Nach dem Mittagessen ruhte man sich eine Stunde aus. Dann gingen Nadja und Kurt auf die Straße und warteten auf Herta, die gleich nachkommen sollte. Sie standen vor dem Hotel und diskutierten heiß über Redewendungen und ihren Gebrauch.

N a d j a: Und ich bin doch der Meinung 2: Je mehr Redewendungen, desto schöner die Sprache.

K u r t: Unsinn!

In diesem Augenblick ging ein junger Mann vorüber. Er hörte das letzte Wort, blieb stehen und sagte: «Unsinn  was ist Unsinn?» Nadja fragte: «Sind Sie Deutscher?»  und der junge Mann antwortete: «Jawohl, mein Fräulein. Heinz Klaus, Chemiker, aus Karl-Marx-Stadt.»



1  Schaden leiden (zu Schaden kommen)  пострадать

2  См. стр. 12, сноску 1. [der Ansicht (Meinung, Auffassung) sein = denken, glauben, meinen — полагать, думать, считать]

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Jetzt
stellten sich auch Nadja und Kurt vor.

N a d j a: Nadja Nowikowa, Dolmetscherin, aus Moskau.

K u r t: Kurt Bruck, Kameramann, aus Leipzig.

H e i n z: Worüber haben Sie denn so heiß gestritten?

K u r t: Über Redewendungen. Die junge Dame will nur in Redewendungen sprechen. Ist das möglich? Wie meinen Sie?

H e i n z: Nein. Aber kennen mman sie, davon weiß ich ein Lied zu singen 1. Sie bereiten mir im Russischen viele Schwierigkeiten. Der Deutsche sagt z. B. «zwei Eisen im Feuer haben», der Russe  «иметь два пути для достижения цели».

N a d j a: «Die Kastanien aus dem Feuer holen» heißt «загребать жар чужими руками», «der Stein ist im Rollen» — «лёд тронулся».

Nadja hätte wahrscheinlich noch 572 solcher Beispiele angeführt (soviel hatte sie schon!), aber da kam zum Glück Herta. Auch sie machte sich mit Heinz Klaus bekannt, und man ging zu viert spazieren.

7. Episode: NEHMEN WIR DEN AUTOBUS 2?

Eine Stunde später verabschiedete sich Heinz Klaus, denn er hatte an diesem Tag alle Hände voll zu tun. Kurt, Herta und Nadja machten sich an eine neue Aufgabe 3: sie begaben sich auf den Puschkinplatz, zum Denkmal des großen russischen Dichters Puschkin.

H e r t a: Das Majakowskidenkmal und den Majakowskiplatz haben wir bereits aufgenommen. Jetzt kommt Puschkin an die Reihe!

N a d j a: Und dann Gogol und Tschaikowski. Beide Denkmäler sind nicht weit von hier. Wenn man den Autobus nimmt 2, ist man in fünf Minuten an Ort und Stelle 4. Für mich bedeutet Puschkin sehr viel. Ich liebe ihn wie keinen anderen Dichter. Ohne ihn kann ich mir mein Leben gar nicht vorstellen. Er ist mein ganzes Denken und Trachten 5.



1  davon weiß ich ein Lied zu singen  об этом я могу кое-что рассказать

2  den Autobus (die Straßenbahn, den Obus) nehmenпоехать автобусом (трамваем, троллейбусом)

3  sich an eine Aufgabe machen  взяться за решение задачи

4  an Ort und Stelle  а месте

5  das Denken und Trachten — все помыслы; мысли и чаяния

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Herta
und Kurt schauten einander an und schüttelten kritisch die Köpfe.

N a d j a: Habe ich wieder falsch gesprochen?

K u r t: Ja, Puschkin kann man wohl bewundern, lieben, verehren, aber man kann nicht «nach ihm trachten». Und dann — dieses Pathos! «Mein ganzes Denken und Trachten» — das ist Poesie, ist Lyrik, ist gehobener Stil. Übrigens  wann wurde das Denkmal errichtet?

N a d j a: In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts. Die Initiatoren wandten sich damals an das Volk und baten um finanzielle Unterstützung. Und das Volk half. «Half» oder «leistete Hilfe»?

H e r t a: Beides. Hier ist beides am Platz 1.

N a d j a: Danke. Ich lerne immer gern. Also weiter: 106 000 Rubel wurden damals gesammelt. Für 87 000 errichtete man das Denkmal. Mit dem Rest wurde ein Puschkin-Lesebuch geschaffen.  Wie spreche ich jetzt?

H e r t a: Sehr gut, denn jetzt sprechen Sie einfacher.

N a d j a: Einfacher? Ist denn das Einfache immer das Beste? Das bezweifle ich. So, jetzt fahren wir hinunter zum Arbatplatz. Aber wie?

H e r t a: Wie? Sie sagten doch, wir können den Autobus nehmen.

N a d j a: Aha! Gerade das wollte ich hören, «einen Autobus nehmen», sehen Sie! Auf Schritt und Tritt 2 Redewendungen!

DARAUF KANNST DU GIFT NEHMEN! 3

«So, Kinder», sagte Herta, nachdem Kurt die Denkmäler von Gogol und Tschaikowski aufgenommen hatte, «für heute genug. Aus dem Material des heutigen Tages machen wir sieben schöne Episoden. Jetzt gehen wir ins Kino und dann nach Hause zum Abendessen.» Sie hatten sich schon vorher Karten in das Lichtspielhaus am Arbatplatz besorgt. Auf dem Weg dorthin fand noch ein kleines Gespräch über eine sehr bekannte Redewendung statt.

K u r t: Nadja, wenn Sie sich weiterhin so Mühe geben, werden Sie bald ausgezeichnet deutsch sprechen.



1  am Platz sein  быть уместным; подходить

2  auf Schritt und Tritt — на каждом шагу

3  Darauf kannst du Gift nehmen! — В этом ты можешь не сомневаться!

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N
a d j a: Wirklich?

K u r t: Darauf kann ich Gift nehmen.

N a d j a: Gift? Gift heißt яд, отрава. Und was bedeutet diese Redensart?

K u r t: Sie bedeutet «davon bin ich fest überzeugt».

N a d j a: Und was hat das mit Gift zu tun?

K u r t: Im Mittelalter verlangte manchmal das Gericht von einem Angeklagten, er solle Gift nehmen, um seine Unschuld zu beweisen. Wenn er an dem Gift nicht starb, wurde er freigesprochen.

N a d j a: Schrecklicher Aberglauben! Gut, ddie Zeiten vorbei sind! Ich bin glücklich, dich im 20. Jahrhundert lebe. So etwas gibt es jetzt nicht mehr.

K u r t: Sind Sie so sicher?

N a d j a: Darauf kann ich Gift nehmen!

Die erste Nadja-Stunde

Sie kamen spät nach Hause. Vor dem Hotel trafen sie Kornejew und mich. Wir hatten uns vorher telefonisch verabredet. Es interessierte uns sehr, wie diese beiden Tage verlaufen waren, oder, um in Nadjas Sprache zu reden, welchen Verlauf sie genommen hatten 1. Das erfuhren wir bald. Bei Tee und Kuchen erzählte man uns in großen Zügen 2 über alles, was an diesen Tagen geschehen war. Herta und Kurt waren sehr zufrieden mit Nadja, die ihnen große Hilfe geleistet hatte.

1) Vergraben Sie nicht Ihr Talent 3!

H e r t a: Nadja, Sie haben heute gut gearbeitet. Sie haben Talent für Fremdsprachen und besonders  für deutsche Redewendungen.

N a d j a: Und weshalb haben Sie heute so streng an mir Kritik geübt 4?

H e r t a: Verstehen Sie mich richtig, Nadja! DSie so viele Redewendungen kennen, ist gut. Nun müssen Sie aber



1  den Verlauf nehmen = verlaufen  протекать

2  in großen Zügen  в общих чертах

3  sein Talent vergraben  зарыть свой талант

4  Kritik üben = kritisieren  критиковать

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lernen,
sie alle richtig anzuwenden und wirklich zu beherrschen. Ich glaube, Sie werden mit dieser Aufgabe fertig werden 1. Sie haben Talent.

K u r t: Und man darf sein Talent nie vergraben, Nadja.

N a d j a: Auch russisch sagt man so: зарыть свой талант в землю, дать заглохнуть таланту. Wie ist denn diese Redensart entstanden?

K u r t: Es war einmal ein reicher Römer, der eine Reise in ferne Länder machen mußte. Vor der Reise rief er seine Diener zu sich und gab jedem einige Talente 2 Gold. Als er zurückgekehrt war, fragte er seine Diener: «Was habt ihr mit dem Geld gemacht?» Alle berichteten, welch großen Nutzen es ihnen gebracht habe. Nur einer sagte: «Ich habe damit nichts gemacht. Ich habe es in die Erde vergraben.»  «Schade. Was man vergräbt, bringt keinen Nutzen. Das ist schlecht», sagte der Herr. Seither bedeutet «sein Talent vergraben» — «seine Begabung nicht entwickeln».

2) Da liegt der Hund hegraben!

K u r t: Man hört sehr oft die Redewendung «da liegt der Hund begraben».

N a d j a: Russisch heißt es auch so: Вот где собака зарыта!  d. h. Das ist die Ursache. Das ist der Kern der Sache — суть дела. Darum handelt es sich. Aber warum sagt man so? Wissen Sie das?

K o r n e j e w: Darüber habe ich Verschiedenes gelesen. Diese Redewendung ist sehr alt. Wir finden sie schon bei dem griechischen Historiker Plutarch, der im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung lebte. Er berichtet von einem Hund. Der



1  fertig werden mit etwas  справиться с чем-либо

2  das Talent  талант  в древности самая крупная на Ближнем Востоке денежная единица (около 1500 руб. серебром)

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Herr
dieses Hundes, Xanthipp, trat eine Seereise an 1 und ließ den Hund allein zurück. Der treue Hund sprang ins Wasser und schwamm dem Schiff nach, mit dem sein Herr fuhr. Er konnte es aber nicht erreichen und kam um. Man begrub ihn auf der Insel Salamis.

N a d j a: Da war also der Hund begraben. Und weiter? Wie bekam dann diese Redewendung die Bedeutung «Das ist der Kern der Sache»?

K o r n e j e w: Vielleicht so: erst als sein Hund begraben war, verstand Xanthipp, wie treu das Tier gewesen war, d. h. er erkannte nun seinen wahren Charakter.

K u r t: Ich kenne eine andere Erklärung, und sie scheint mir richtiger. Im Mittelalter suchten viele Menschen nach versteckten Schätzen. Man glaubte, der Teufel bewache diese Schätze in der Gestalt eines schwarzen Hundes. Den Teufel durfte man aber nicht nennen, deshalb sagte man statt «Schatz»  «Hund». «Da liegt der Hund begraben» heißt also: Hier ist die gesuchte Stelle. Hier ist der versteckte Schatz, oder: Das ist es, worum es sich handelt 2. Hier liegt die Ursache.



l  eine Seereise antreten  отправиться в морское путешествие

2  es handelt sich um  речь идёт о

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Daß
«Geld» und «Hund» früher Synonyme waren, sieht man auch aus einer Stelle bei Hans Sachs 1. Ein junger Mann glaubt, er habe Geld in der Tasche. Er klopft auf die Tasche und sagt: «Da liegt der Hund.»

H e r t a: Der schwarze Hund... Ich erinnere mich an eine Stelle in Goethes «Faust»:

«Da stehen sie umher und staunen,

Vertrauen nicht dem hohen Fund.

Der eine faselt von Alraunen,

Der andere von dem schwarzen Hund 2

3) Das also war des Pudels Kern!

K u r t: Aus dem «Faust» stammt ja auch eine synonymische Redewendung: «Das also war des Pudels Kern!»

N a d j a: «Так вот что за этим скрывалось!» Wo steht das doch im «Faust»? Ich erinnere mich nicht.

K o r n e j e w: Diese Worte spricht Faust, als er bemerkt, daß der schwarze Pudel niemand anderes ist als Mephistopheles.

H e r t a: Erinnern Sie sich jetzt, Nadja? Faust kommt in sein Studierzimmer mit dem schwarzen Pudel, der ihm gefolgt ist. Und plötzlich verwandelt sich der Hund in Mephistopheles.

N a d j a: Ach ja, richtig.

4) Das geht auf keine Kuhhaut! 3

K u r t (ironisch): Jetzt scheint es mir, Nadja, Sie haben vielleicht doch recht, wenn Sie so großes Interesse für Redewendungen zeigen. Verzeihung, an den Tag legen 4.

N a d j a: O, ich höre Ihre Ironie, Ihren Sarkasmus. Sie machen sich über mich lustig 5, Herr Bruck. Das ist aber nicht schön von Ihnen. Ich protestiere.



1  Hans Sachs (1494  1576), deutscher Dichter; schrieb Fabeln, Parabeln, Karnevalsspiele; war Schuhmacher in Nürnberg.

2  Фауст, часть II, действие I, стих 4977 и сл.: «Они стоят вокруг клада и удивляются. Не верят, что нашли большой клад. Одни болтают о волшебстве, а другие о черной собаке».

3  Das geht auf keine Kuhhaut!  Это неслыханно! Это чересчур! Это переходит границы дозволенного!

4  Interesse zeigen (haben или an den Tag legen)  проявлять интерес

5  sich lustig machen über jemanden  высмеивать кого-либо

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K
u r t: D. h. Sie legen Protest ein 1?

N a d j a: Schon wieder! Nun aber genug! Jetzt hat's 13 geschlagen! 2 Das schlägt dem Fden Boden aus!

H e r t a; Nein