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Elias Canetti

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Elias Canetti war ein Schriftsteller undAphoristiker deutscher Sprache und Literatur-Nobelpreisträger 1981.Canetti, der älteste Sohn einer wohlhabenden sephardisch-jüdischen Kaufmannsfamilie, verbrachte seine Kindesjahre in Bulgarien und England. Nach dem frühen Tod seines Vaters im Jahr 1912 führte er mit Mutter und Geschwistern...

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2015-09-14

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       Elias Canetti war ein Schriftsteller undAphoristiker deutscher Sprache und Literatur-Nobelpreisträger 1981.Canetti, der älteste Sohn einer wohlhabenden sephardisch-jüdischen Kaufmannsfamilie, verbrachte seine Kindesjahre in Bulgarien und England. Nach dem frühen Tod seines Vaters im Jahr 1912 führte er mit Mutter und Geschwistern ein unstetes Leben in Österreich, der Schweiz undDeutschland.Von 1924 an lebte er in Wien.[1] 1938 zwang ihn der Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich mit seiner Frau Vezanach London zu emigrieren, wo er auch nach dem Krieg blieb und die britische Staatsbürgerschaft erwarb. In den 1970er Jahren lebte er zunehmend, in den achtziger Jahren bald ausschließlich in der Schweiz. Canetti starb 1994 in Zürich und wurde dort auf dem Friedhof Flunternbeigesetzt.

           Als Schriftsteller ist Canetti nicht leicht in Kategorien oder literarische Strömungen einzuordnen. Sein Werk ist außerordentlich vielseitig, schon was die verwendeten literarischen Gattungen betrifft.

      Er hat unter anderem einen Roman veröffentlicht (Die Blendung), drei Dramen, eine anthropologische Studie (Masse und Macht), aphoristischeAufzeichnungen und eine mehrbändige Autobiografie. Da er sehr zögerlich veröffentlicht hat, wurde er, besonders im deutschen Sprachraum, nur allmählich einer größeren Öffentlichkeit bekannt.

    In den 1960er Jahren empfing er schließlich zahlreiche Preise und Auszeichnungen (so etwa 1966 den Deutschen Kritikerpreis und denLiteraturpreis der Stadt Wien, 1969 den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, 1972 den Georg-Büchner-Preis und 1975 den Nelly-Sachs-Preis), schließlich erhielt er 1981 den Nobelpreis für Literatur.

     Bei aller Verschiedenheit der literarischen Gattungen, in denen er tätig war, ist Canettis Werk thematisch recht homogen. Er suchte alle Auswirkungen, die das Bewusstsein des Todes für das Leben des Menschen hat, zu erforschen – daher sein Interesse für die verschiedenenReligionen und Glaubensformen. Sein Interesse an Massenphänomenen und Erscheinungsformen der Macht entsprang den prägenden Ereignissen des 20. Jahrhunderts: den Weltkriegen und dem Nationalsozialismus. Bei aller Skepsis war Canetti jedoch nicht von pessimistischer Grundhaltung geprägt, vielmehr sah er es als den Beruf des Dichters (so der Titel eines Essays von 1976), Raum für „Hoffnung“ und Wege aus dem „Chaos“ zu schaffen.

    Elias Canetti wurde am 25. Juli 1905 in Rustschuk in Bulgarien geboren. Seine Eltern Jacques und Mathilde Canetti entstammten zwei wohlhabenden spaniolisch-jüdischen Kaufmannsfamilien, die über die Türkei nach Bulgarien gekommen waren. Als sich 1911 die Möglichkeit ergab, sich bei einem in England tätigen Verwandten geschäftlich zu beteiligen, nutzte die Familie die Gelegenheit, nach Manchester zu ziehen. Die insgesamt nur 6 Jahre, die Canetti in Bulgarien verbrachte, hat er später im ersten Band seiner Lebensgeschichte eindrücklich beschrieben. Aber auch in England blieb er zunächst nicht lange, denn im Oktober 1912 starb völlig überraschend der noch ganz junge und scheinbar kerngesunde Vater, möglicherweise an einem Herzinfarkt – eine Erfahrung, die sicher wesentlichen Einfluss auf Canettis spätere Beschäftigung mit dem Tode haben sollte. Die Mutter entschloss sich daraufhin, mit Elias und seinen beiden jüngeren Brüdern nach Wien zu ziehen. Erst jetzt erhielt Elias, dessen Muttersprache das judenspanische Ladino war und der in England Englisch und etwas Französisch gelernt hatte, in einer Art pädagogischer Rosskur Deutschunterricht von der Mutter. Teils wegen des ausgebrochenen Ersten Weltkrieges, teils wegen einer andauernden Krankheit der Mutter wechselte die Familie in den folgenden Jahren noch mehrfach den Wohnsitz, und Canetti lebte jeweils einige Jahre in Zürich (1916–1921) und in Frankfurt am Main (1921–1924), wo er an der Wöhlerschule das Abitur ablegte.

    In den Jahren nach dem Tod des geliebten Vaters entwickelte Canetti eine sehr enge, eifersüchtige Beziehung zur Mutter, einer sehr stolzen und selbständigen Frau mit leidenschaftlichem Interesse für Theater und Literatur. Mit den Leseabenden, bei denen Mutter und Sohn gemeinsam klassische Dramen lasen, gab sie dem Wunsch Canettis, später selbst Dichter zu werden, lange Zeit Nahrung. Später sah sie diese Entwicklung zunehmend mit Besorgnis und suchte den Sohn zu einem praktischen Beruf zu drängen. Der Umzug aus der idyllischen Schweiz insinflationsgebeutelte Deutschland war ihr Versuch, Elias auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen. Diese Strategie war aber nicht erfolgreich: Elias entfremdete sich in den 1920er Jahren zunehmend von der Mutter und brach schließlich ganz mit ihr.

     Während Canettis Mutter und Brüder sich in Frankreich niederließen, zog er 1924 wieder nach Wien und studierte dort Chemie, ohne echtes Interesse für das Fach (Promotion 1929) [2]. Nebenher ging er seinen eigentlichen Interessen nach, die literarische Dinge und ein breites Spektrum an philosophischen Themen betrafen. Gleich 1924 lernte Canetti seine spätere Freundin (und ab 1934 Ehefrau) Veza Taubner kennen, die seine Leidenschaft für Literatur teilte (und später eine eigene schriftstellerische Tätigkeit begann) und Canetti in seinen hochfliegenden schriftstellerischen Plänen ermutigte. Diese beschränkten sich für die Zeit seines Studiums jedoch lediglich auf Absichtserklärungen und Fingerübungen.

    Canetti besuchte vier Jahre lang die Vorlesungen des Kritikers und Satirikers Karl Kraus, den er (wie viele seiner Zeitgenossen) geradezu fanatisch verehrte. Außerdem sammelte er Material für sein Projekt einer Studie über das Phänomen der Masse, das ihm von Wissenschaftlern wie Le Bonoder Sigmund Freud nicht hinreichend erfasst zu sein schien. Persönliche Erlebnisse wie Demonstrationen in Frankfurt (bei der ErmordungRathenaus 1922) und vor allem beim Wiener Justizpalastbrand (1927) bestärkten ihn in dieser Absicht.

    Canetti weitete allmählich seinen Bekanntenkreis aus, wobei er jedoch politisch wie literarisch konservative Kreise eher mied. Er hatte Kontakt zu Vertretern der politischen Linken (Ernst Fischer, Ruth von Mayenburg), mit der er sympathisierte, ohne sich aber politisch engagieren zu wollen. 1927 verliebte er sich in die ungarische Dichterin Ibby Gordon, die Anfang 1928 nach Berlin ging. Auf ihre Einladung verbrachte Canetti den Sommer 1928 in Berlin, wo er für den Malik-Verlag arbeitete. Dieser Aufenthalt wurde ihm sehr wichtig, denn er brachte ihn in Kontakt mit der dortigen Künstler-Szene, namentlich mit John Heartfield, Wieland Herzfelde, George Grosz, Bertolt Brecht, außerdem mit Isaak Babel und dem Schauspieler Ludwig Hardt. Der Vergleich zwischen dem gemütlichen Wien und dem „Irrenhaus“ Berlin regte ihn zu seinem Roman Die Blendungan, den er 1930/31 schrieb. Ein Jahr darauf entstand das Drama Hochzeit, ein weiteres Jahr später Die Komödie der Eitelkeit. Alle drei Werke blieben zunächst unveröffentlicht, aber durch Lesungen aus dem Roman und den Dramen lernte Canetti zahlreiche Künstler und Intellektuelle kennen, darunter den Bildhauer Fritz Wotruba, der einer seiner engsten Freunde wurde, die Künstlerin Anna Mahler (in die Canetti sich unglücklich verliebte), den Gelehrten Abraham Sonne ("Dr. Sonne", später Avraham Ben Yitzhak), den Schriftsteller Hermann Broch, den Komponisten Alban Berg, den Dirigenten Hermann Scherchen und den Schriftsteller Robert Musil. Seine zunehmende Bekanntheit ermöglichte es Canetti schließlich sogar, Die Blendung zu veröffentlichen, doch seine weitere schriftstellerische Laufbahn (wie auch die seiner Frau) konnte im zunehmendjudenfeindlichen Klima der dreißiger Jahre nicht vorankommen, und nach dem „Anschluss“ Österreichs ans nationalsozialistische Deutschland 1938 musste sich das staatenlose Ehepaar um eine Ausreisemöglichkeit kümmern.

   Die Canettis emigrierten zur Jahreswende 1938/1939 über Frankreich nach England, wo sie sich unter häufig wechselnden Adressen in oder bei London niederließen, jahrelang meist in getrennten Wohnungen. Sie hatten bereits in Wien keine besonders bürgerlich-konventionelle Ehe geführt. Ihre Beziehung zueinander war zugleich eng und distanziert, eine Mischung aus Ehegemeinschaft und Freundschaft. Veza sorgte durch Auftragsarbeiten nicht nur für einen großen Teil des insgesamt sehr spärlichen Einkommens, sondern verstand sich zudem als Förderin des Werkes ihres Mannes, den sie zur Arbeit anhielt. Canetti – selbst ausgesprochen eifersüchtig – unterhielt noch zu anderen Frauen gleichzeitige und langjährige Beziehungen, und Veza Canetti wusste über diese „Nebenfrauen“ durchaus Bescheid: die Schriftstellerin Frieda Benedikt (PseudonymAnna Sebastian), die Canetti noch von Wien kannte, und die Malerin Marie-Louise von Motesiczky. Auch aus der Bekanntschaft mit der Schriftstellerin und Professorin Iris Murdoch entwickelte sich eine mehrjährige Affäre, die Canetti im 2003 beim Hanser Verlag erschienenen BuchParty im Blitz: Die englischen Jahre beschrieb. Diese Beziehungen des verheirateten Canetti waren durchaus schwierig und von seiner Seite von großer Eifersucht gekennzeichnet. Marie-Louise von Motesiczky malte ihn einmal als Ratte, Iris Murdoch nannte ihn den „Zauberer“.

    Nach dem Umzug nach England konzentrierte Canetti sich ganz auf die Recherchen zu seinem lange geplanten Buch über die Masse und veröffentlichte zwanzig Jahre lang praktisch keine neuen Werke. Lediglich Die Blendung erschien 1946 in einer viel beachteten englischen Übersetzung, die im Zusammenspiel mit seiner schillernden Persönlichkeit und seiner allgemeinen Neugier auf Menschen dazu führte, dass er in den Londoner Intellektuellen- und Künstler-Kreisen zu einer Bekanntheit wurde. Canetti verkehrte mit anderen Emigranten wie Franz Baermann Steiner, Hans Günther Adler und Erich Fried, wie auch mit britischen Gelehrten und Künstlern, unter anderem Bertrand Russell, Dylan Thomas undArthur Waley. Er lebte sich also vergleichsweise rasch in England ein, was sicherlich auch darauf zurückzuführen ist, dass er (wie auch seine Frau Veza) gut Englisch sprach. Canetti blieb, anders als viele Emigranten, auch nach Kriegsende in England, 1952 erwarb er die britischeStaatsbürgerschaft.

     Bis auf seine mitunter spannungsreichen persönlichen Beziehungen verbrachte Canetti ein äußerlich ruhiges Leben. Er unternahm gelegentlich Reisen in Großbritannien und im sonstigen Europa (Provence, Italien, Griechenland), nur eine dreiwöchige Reise nach Marrakesch (über die er später einen Band mit Reiseaufzeichnungen veröffentlichte) führte ihn 1954 ins außereuropäische Ausland. Wichtiger als solche Reisen waren für ihn stets die Begegnungen mit fremden Kulturen über Bücher, sei es in Form von Mythen- und Märchensammlungen oder von Reisebeschreibungen. Canettis umfangreiche Lektüren beschränkten sich jedoch keineswegs nur auf diese Gebiete.

    Das Manuskript von Masse und Macht war in den 1950er Jahren schon weit fortgeschritten, doch Canetti zögerte noch mit der Publikation. Er befasste sich wieder mit einigen literarischen Projekten, von denen aber nur das 1956 mit mäßigem Erfolg aufgeführte Drama Die Befristetenabgeschlossen wurde. Als 1960 Masse und Macht endlich in einem deutschen Verlag erschien, war Canetti enttäuscht von der eher geringen Resonanz, die das Buch hervorrief. Der literarischen Öffentlichkeit wurde Canetti nur ganz allmählich bekannt, auch nachdem der Münchner Hanser-Verlag ab 1963 nicht nur die frühen Wiener Werke ins Programm nahm, sondern auch jüngere Arbeiten. Doch die regelmäßigen Neuerscheinungen führten dazu, dass Canetti in den 1960er und 1970er Jahren in der Öffentlichkeit präsenter wurde: durch Lesungen und Interviews, durch Aufführungen seiner Stücke und durch die Auszeichnung mit Literaturpreisen (siehe Abschnitt Preise und Auszeichnungen).

       Die Freude über den langsam zunehmenden Erfolg wurde Canetti jedoch erheblich getrübt durch den Tod seiner Frau Veza im Mai 1963 – eine weitere Erfahrung des Todes im nächsten Bekannten- und Familienkreis, nachdem bereits 1912 der Vater, 1937 die Mutter und 1953 Friedl Benedikt gestorben waren. Acht Jahre später, 1971, starb auch Canettis geliebter Bruder Georges Canetti an einer langjährigen Lungenkrankheit.

    In den 1960er Jahren entwickelte sich aus der Bekanntschaft Canettis mit der in Zürich arbeitenden Kunstrestauratorin Hera Buschor eine Liebesbeziehung. Canetti hielt sich deswegen recht häufig in Zürich auf, und nachdem die beiden 1971 heirateten und ein Jahr später Canettis einziges Kind Johanna geboren wurde, übersiedelte Canetti zu seiner Familie nach Zürich, die Stadt, die er seit seinen Schweizer Jugendjahren besonders ins Herz geschlossen hatte. Er behielt jedoch sowohl die Wohnung in London-Hampstead (im Haus in der Thurlow Road 8, das heute ein normales, etwas verwahrlostes Wohnhaus ist; ein etwaiges Museum wurde dort nicht eingerichtet) wie auch seine britische Staatsbürgerschaft, zog sich aber nur noch gelegentlich zum Arbeiten dorthin zurück.

     Diese Arbeit bestand, neben den natürlich weiterhin geführten Aufzeichnungen, überwiegend aus seiner Lebensgeschichte. Schon seit vielen Jahren fühlte sich Canetti mehr und mehr zur Gattung der Autobiografie hingezogen, und nach Überwindung einiger Bedenken bezüglich der Relevanz eines solchen Unternehmens begann er mit der Arbeit an dem ersten Band über seine Kindheit und Jugend bis 1921, Die gerettete Zunge. Darin klingt ein Motiv an, das Canetti wiederholt aufgreift:

     „Wenn ich an die frühen Jahre denke, erkenne ich zuallererst ihre Ängste, an denen sie unerschöpflich reich waren. Viele finde ich erst jetzt, andere, die ich nie finden werde, müssen das Geheimnis sein, das mir Lust auf ein unendliches Leben macht.“

      Andere Projekte wie die Fortsetzung der Studie der Masse oder sein Buch gegen den Tod traten dabei in den Hintergrund. Canetti, der sich sehr häufig unzufrieden zeigte mit seiner schriftstellerischen Produktion, dachte wohl nicht mehr, sie noch realisieren zu können.

      In der Schweiz lebte Canetti viel zurückgezogener als zuvor. Das lag zu einem guten Teil an dem glücklichen Familienleben, das er führte und das frei von den Spannungen seiner früheren Liebesbeziehungen war. Aber auch der Publikumserfolg seiner 1977 erscheinenden Autobiografie, so erfreulich er natürlich für Canetti war, legte ihm einen solchen Rückzug nahe. Als er 1981 für sein schriftstellerisches Werk mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, entschloss er sich, auch keine Interviews mehr zu geben und keine Lesungen mehr zu halten. Canettis Familienidyll wurde jedoch empfindlich gestört, als seine viel jüngere Frau Hera an Krebs erkrankte, dem sie schließlich 1988 erlag.

      Elias Canetti starb 1994 im Alter von 89 Jahren in Zürich. Sein Nachlass befindet sich auf seinen Wunsch hin in der Zentralbibliothek Zürich. Der größte Teil dieses Nachlasses (Entwürfe, Aufzeichnungen, die etwa 20.000 Bände umfassende Bibliothek) steht der Forschung zur Verfügung, doch einen bestimmten „privaten“ Teil (Canettis Tagebuch, große Teile der Briefkorrespondenz) hat Canetti für 30 Jahre nach seinem Tod gesperrt – dieser darf also erst ab 2024 eingesehen werden.

      Das Bild seiner Persönlichkeit war lange Jahre von ihm selbst geprägt: Seine (in der Rezeption begeistert aufgenommenen) Autobiographien und das, was Besucher über ihn berichteten - wie Hans Bender oder Manfred Durzak - trugen maßgeblich dazu bei, in Canetti „nur“ den weisen, gastfreundlichen Literaturasketen zu sehen, der in einer Welt der Bücher und der jederzeit gespitzten Bleistifte lebte. Erst den aktuellen Biographien sowie den nachgelassenen Bänden veröffentlichter Briefwechsel ist es zu verdanken, dass sich dieses stilisierte Bild relativiert. Canetti - so scheint es - war nicht nur ein Forscher der Macht, sondern ein Macht-Wollender. Er galt - so dies seinen, teils erschütternden Briefen zu entnehmen ist - als schwieriger, eitler und jähzorniger Mann, gleichzeitig als egoistischer Frauenschwarm, der mit Geld nicht umgehen konnte.

      Seine autobiographische Werke - sofern sie überhaupt ein „ungefärbtes“ Bild seines Lebens zeigen - leben unter anderem von seinen Begegnungen mit einer Vielzahl bedeutender Persönlichkeiten und seiner Fähigkeit, Menschen durch Reduktion auf charakteristische, ungewöhnliche Details und Angewohnheiten zu beschreiben (vielmehr: nach seinem Gusto zu interpretieren). Alma Mahler-Werfel, die Mutter der von ihm verehrten Anna Mahler beispielsweise bezeichnete er in seiner Autobiografie Das Augenspiel als zerflossene Alte auf dem Sofa, als strotzende Witwe, die die Trophäen ihres Lebens um sich versammelt habe. Im Porträt, das Oskar Kokoschka von seiner einstmaligen Geliebten gemalt hatte, sah er die Mörderin des Komponisten Gustav Mahler.

     Einige dieser Porträts sind auch als verletzende Bloßstellungen empfunden worden, etwa die vernichtenden Passagen über Canettis ehemalige Geliebte Iris Murdoch in Party im Blitz, dem postum erschienenen Band über seine Londoner Jahre. Viele seiner Zeitgenossen berichten von Gelegenheiten, bei denen sich Canetti anderen gegenüber bösartig oder herzlos verhalten habe; Hilde Spiel nannte ihn eine „wirkliche Giftspritze“, und der Literaturkritiker (und spätere Ehemann Murdochs) John Bayley beschrieb Canettis Rolle in der Londoner Intellektuellenszene satirisch als „the godmonster of Hampstead“. Nichtsdestrotz galt Canetti den meisten, die ihn kannten, als geistreicher und witziger Unterhalter, dessen Persönlichkeit (und kleine Statur) nachhaltig in Erinnerung blieb.

      Canettis Werk fand erst spät Beachtung; die jüngsten Biographien geben Auskunft darüber, wie sehr sich seine mittleren Lebensjahrzehnte in ziemlicher Armut, Unsicherheit und Zukunftsangst abspielten. Er darf als exzentrisch gelten: Sein Leben war der Literatur geweiht; einem Brotberuf ging Canetti nicht nach. Er verfasste drei Dramen, den Roman Die Blendung (für den er 1981 den Nobelpreis erhielt und von dem er sich im Alter distanzierte), Essays und Reiseberichte, Tagebücher, Charakterminiaturen und Abertausende von Aufzeichnungen, welche heute von vielen Kritikern als der „bleibende“ Teil seines Gesamtwerkes erachtet werden. Canetti begann außerdem damit, einen mehrteiligen Autobiografie-Zyklus zu veröffentlichen. Der Zyklus beginnt mit der „Geretteten Zunge“, darauf folgten "Die Fackel im Ohr" und später "Das Augenspiel". Canetti konnte die Reihe vor seinem Tod nicht vervollständigen, hat aber detaillierte Angaben über die Verwendung und Herausgabe seines Nachlasses hinterlegt. So erschien mittlerweile Party im Blitz. Die englischen Jahre als Fortsetzung der Lebensgeschichte, das sich jedoch durch seine Unfertigkeit formal und strukturell stark von den ersten drei Bänden abhebt - dem wurde durch den Bruch in der Titelreihenfolge Rechnung getragen.

      Durchaus herauszuheben ist - neben den Aufzeichnungen - sein Werk Masse und Macht. Es ist nicht als streng soziologische Studie zu verstehen, sondern enthält viele Elemente der Psychologie, Methoden der Ethnologie und Einsprengsel aus der Zoologie. In dem Werk geht Canetti einem Thema nach, das ihn 30 Jahre lang beschäftigte, seitdem er 1922 eine Demonstration anlässlich der Ermordung Walther Rathenaus und 1927 in Wien den Massenaufruhr vor dem brennenden Justizpalast miterlebt hatte. Was ist eine Masse? Warum geht von einer Masse eine Faszination aus, der man sich als Einzelner kaum entziehen kann? Wie bildet sich eine Masse und welchen „Gesetzmäßigkeiten“ folgt die eigentlich chaotische Menschenansammlung? Massenbewegungen sind ein Phänomen der Moderne. Die Beschäftigung mit dem Thema ist in den 1930er bis 1960er Jahren sehr populär. Die politische Wirksamkeit von Massenbewegungen sind seit der Französischen Revolution unbestritten. Mit der Herausbildung der Arbeiterklasse wird die gesellschaftliche Rolle der Masse noch mehr betont. Grundthese Canettis ist, dass das auf räumliche Abgrenzung bedachte Individuum in der Masse seine gesellschaftlichen Zwänge ablegen kann. Soziale Unterschiede werden nivelliert, und es erhält seine Freiheit zurück.

      Den psychologischen Prozess, der sich innerhalb der Masse abspielt, nennt Canetti „Entladung“. In Anlehnung an Freud entwickelt er die These, dass Menschen neben den Grundbedürfnissen nach Essen, Trinken und Zuneigung auch einen Massentrieb besitzen. Dabei verliert die Masse ihre ursprüngliche negative Konnotation. Massen erscheinen als etwas Natürliches und Notwendiges.

     Canetti unterscheidet geschlossene und offene Massen. Baulich geschlossenen Massen beispielsweise sind meist „institutionalisierte Massen“ der Kirchen. Sie besitzen Regeln und Zeremonien, welche die Masse „abfangen“. „Lieber eine sichere Kirche voll von Gläubigen als die unsichere ganze Welt.“[4] Die Institution stellt demnach eine Zähmung des Massetriebes dar.

      Die Offene Masse ist voller Zerstörungssucht und in der Moderne meist frei von Religiösem. Sie besitzt das vornehmliche Ziel zu wachsen. Sie benötigt eine „Richtung“, ein Ziel, das außerhalb jedes Einzelnen liegt sowie einen „Rhythmus“, der ihren Zusammenhalt sichert. Zur Bildung einer Masse bedarf es oft eines „Massenkristalls“, einer festen beständigen Gruppe, um welche die Masse wachsen kann.

    Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal der Massen ist der „tragende Affekt“: Demnach unterscheiden sich die Hetzmasse, die auf Töten aus ist und auch im Tierreich vorkommt, die Fluchtmasse, ebenso aus dem Tierreich bekannt, die Verbotsmasse, die sich gegen bestehende Regeln auflehnt, die sie nicht mehr befolgen will, die Umkehrungsmasse, die sich gegen die ehemaligen Machthaber richtet, und die Festmasse.

    Des weiteren leitet Canetti in dieser Arbeit das menschliche Machtgefühl aus der Konfrontation mit dem Tod und dem Erlebnis des Überlebens ab.Masse und Macht wurde zu Canettis bekanntestem, aber auch umstrittensten Buch.

Der Roman Die Blendung ist das Erstwerk des deutschsprachigen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Elias Canetti.

     Hauptfigur des Romans ist der „größte lebende Sinologe“ (Die Blendung) Peter Kien, der, allen weltlichen Interessen abgeneigt, in seiner 25.000 Bände umfassenden Bibliothek zurückgezogen lebt und – durch die Ehe mit seiner Haushälterin Therese mit der Gemeinheit des Lebens konfrontiert – dem Irrsinn verfällt.

      Kien widmet sein Leben der Wissenschaft und führt in seiner riesigen Bibliothek ein grotesk eigensinniges Höhlenleben. Aus Liebe zu seinen Büchern heiratet er die Frau, die diese am gewissenhaftesten zu behandeln vorgibt: seine ungebildete Haushälterin Therese. In der Hochzeitsnacht entlarvt sich Therese: Bei dem Versuch, Kien zu verführen, fegt sie mit einer Handbewegung Bücher von dessen Schlafdiwan. Kien ist schockiert und flüchtet. Es beginnt ein erbarmungsloser Kampf um die Vorherrschaft in der gemeinsamen Wohnung, der „Bücherfestung“. Therese ist an materiellen Dingen interessiert (Räume der Wohnung, Möbel, Geld); beim Möbelkauf verliebt sie sich in den Verkäufer Herrn Grob, den sie in Gedanken liebevoll „Herr Puda“ nennt und dessen Namensbildung auf das zufällige Lesen des Buchtitels Buddha zurückgeht. Kien hingegen verlangt Ruhe (Sprechverbot) und Zutritt zu seiner Bibliothek. Erste Anzeichen von Irrsinn werden deutlich: Als Zermürbungstaktik sitzt er wochenlang apathisch vor seinem Schreibtisch, „verwandelt sich in Stein“. Schließlich eskaliert die Auseinandersetzung: Im Kampf um sein (freilich nur noch in unbedeutenden Resten vorhandenes) Vermögen wird Kien von Therese aus seiner eigenen Wohnung vertrieben.

     Kien verfällt zunehmend dem Wahnsinn: Er richtet eine „Kopfbibliothek“ ein und irrt in der ihm fremden Stadt herum. In der Bar Zum idealen Himmelstößt er auf den zwielichtigen Fischerle, einen buckligen Zwerg und Zuhälter, der sich für ein Schachgenie hält. Fischerle träumt von einem Leben als Schachweltmeister in Amerika; hierfür benötigt er Geld. Als Kien seine Berufung in der „Errettung“ von Büchern findet, die für das Pfandleihhaus „Theresianum“ bestimmt sind, schickt er verschiedene Mittelsmänner mit immer demselben Bücherpaket dorthin, das von Kien für immer höhere Beträge von der Verpfändung „freigekauft“ wird. So ergaunert er sich einen Teil von Kiens Geld – das er freilich für diesen zuvor aus einem Raubüberfall im „idealen Himmel“ gerettet hat. Von einem von Fischerles Mittelsmännern erfährt Kien die unwahre Nachricht vom Tod Thereses und malt sich ein Schreckensszenario ihrer Selbstverstümmelung aus. Fischerle ist es auch, der Kiens Bruder aus einer Laune heraus mit einem Telegramm über dessen desolaten Zustand informiert und damit eine Möglichkeit zu dessen Rettung eröffnet. In der weiteren Folge wird er von einem Liebhaber seiner Frau (einer seiner früheren „Mitarbeiter“ mit denen er Kien um sein Geld geprellt hat, genannt „Der Blinde“) ermordet.

      Inzwischen beginnt die sexuell frustrierte Therese eine Affäre mit dem sadistischen Hausbesorger Benedikt Pfaff, dessen Passion das Verprügeln von Bettlern, seiner Frau (die daran auch stirbt) und seiner Tochter die er ebenfalls in den Tod treibt, ist. Gemeinsam wollen sie die Bücher der Bibliothek zum Theresianum bringen. Dort stoßen sie auf Kien (der Therese für eine Halluzination hält, da sie ja tot sein müsste). Eine Schlägerei beginnt, in deren Folge die Polizei gerufen wird. Es beginnt ein von Missverständnissen geprägtes Verhör, da Kien denkt, er hat Therese umgebracht und sie trotz allem anwesend ist. Er gesteht (den nicht begangenen) Mord und Therese denkt ab sofort, dass Kien seine erste Frau umgebracht hat. Schlussendlich wird dieser jedoch laufen gelassen. Er zieht in die Wohnung des Hausbesorgers, wo er immer offensichtlicher als Gefangener gehalten und immer unverblümter beraubt wird, ohne dies noch recht wahrzunehmen. Noch immer hält er Therese für tot; als sie ihm gegenübertritt, hält er sie für eine Halluzination und beginnt, an seinem Verstand zu zweifeln.

    In dieser ausweglosen Situation tritt der von Fischerle benachrichtigte Bruder Kiens, der Pariser Psychiater Georg Kien, auf. Er ist als Einziger ernsthaft an der Errettung des verehrten Bruders interessiert, sorgt für das Verschwinden Pfaffs und Thereses aus dessen Leben und führt Kien in seine Bibliothek zurück. Kiens Welt ist scheinbar wiederhergestellt, Georg kehrt zu seinen eigenen drängenden Angelegenheiten in Paris zurück. Kien jedoch kann auch Georg nur noch als einen Störer und Feind des Gelehrtendaseins wahrnehmen, dem seine Bücher keinesfalls in die Hände fallen dürfen.

      Er verfällt nun vollkommen dem Irrsinn: Von Thereses Mordvorwürfen verfolgt, von den Hilfeschreien der (in seiner Wahnvorstellung) im Theresianum verbrennenden Bücher gepeinigt, verbrennt er sich zusammen mit seiner Bücherei.

Canetti schrieb das Buch in den Jahren 1931/32 in Wien. Wenngleich die Handlung im Wiener Milieu verankert ist, so hat er doch offenbar wesentliche Anregungen bei seinem Aufenthalt in Berlin im Sommer 1928 erhalten. Berlin erschien Canetti damals – im Vergleich zum „gemütlichen“ Wien – wie ein „Irrenhaus“.

     „Ich war von der Schärfe und Vielfalt der Begabungen, die es damals in Berlin gab und die sich ganz öffentlich zeigten, ungeheuer beeindruckt, so sehr, daß ich dadurch völlig durcheinander gebracht wurde. Ich war völlig überwältigt davon. Zum Teil ist die „Blendung“ auch aus diesem merkwürdigen Konflikt meiner Wiener Eindrücke mit den Berliner Erlebnissen entstanden. Aber was mich nach meiner Rückkehr aus Berlin am meisten beschäftigte, was mich nicht mehr losließ, waren die extremen und besessenen Menschen, die ich da kennengelernt hatte. Eines Tages kam mir der Gedanke, daß die Welt nicht mehr so darzustellen war, wie in früheren Romanen, sozusagen vom Standpunkt des Schriftstellers aus. Die Welt war zerfallen, und nur wenn man den Mut hatte, sie in ihrer Zerfallenheit zu zeigen, war es noch möglich, eine wahrhafte Vorstellung von ihr zu geben. Das bedeutete aber nicht, daß man sich an ein chaotisches Buch zu machen hatte, in dem nichts mehr zu verstehen war. Im Gegenteil: man musste mit strengster Konsequenz extreme Individuen erfinden, so wie die, aus denen die Welt ja auch bestand, und diese auf die Spitze getriebenen Individuen in ihrer Geschiedenheit nebeneinanderstellen.“

     Einfluss auf den Roman hatten nach Canetti auch der „Hohn auf jedes Gefühl von Gerechtigkeit“ in den Prozessen gegen die rechten Mörder einiger Arbeiter im Burgenland (Schattendorfer Urteil) und die anschließende Julirevolte in Wien mit dem Brand des Wiener Justizpalastesund den 89 von der Polizei erschossenen Demonstranten.

      Als reales Vorbild für die Romanfigur Therese, die Haushälterin des Büchermenschen Kien, gibt Canetti eine ehemalige Wiener Vermieterin in der Hagenberggasse an.

    „Vorm offenen Fenster besprach ich die Einzelheiten mit der Hausfrau. Ihr Rock reichte bis zum Boden, sie hielt den Kopf schief und warf ihn manchmal auf die andere Seite; die erste Rede, die sie mir hielt, findet sich wörtlich im dritten Kapitel der „Blendung“: über die Jugend von heute und die Kartoffeln, die bereits das Doppelte kosten.“

     Kein reales Vorbild hatte die Hauptfigur „Kien“, der Büchermensch, der schließlich im Feuer seiner Bibliothek verbrennnt. Canetti hatte ihn in ersten Entwürfen „B.“ genannt, ein abstraktes Kürzel für „Büchermensch“, schließlich dann nach seinem Ende „Brand“, dies zeitweilig verfremdet zu „Kant“, vorgesehener Buchtitel war dementsprechend zunächst „Kant fängt Feuer“. Erst auf Drängen Hermann Brochs änderte Canetti den Namen der Figur in „Kien“.

    Als einflussreiche Literaten für die Blendung gibt Canetti zunächst Franz Kafka an, dessen Verwandlung er zu dieser Zeit erstmals las. Als weitere Einflüsse nennt er Gogols Roman Die toten Seelen und Stendhals Rot und Schwarz.

     „Mit Kafka ist etwas Neues in die Welt gekommen, ein genaueres Gefühl für ihre Fragwürdigkeit, das aber nicht mit Haß, sondern Ehrfurcht für das Leben gepaart ist.“

     Trotz dieser humanistischen Berufung auf Kafka heben Rezensenten immer wieder die Mitleidlosigkeit hervor, mit der die Figuren der Blendung gezeichnet sind.

      Den Einfluss der Wiener Sprachumgebung auf sein Schreiben hat Canetti unter dem Einfluss von Karl Kraus und Johann Nestroy schon 1937 mit der „Theorie der akustischen Maske“ zu fassen versucht. Für sein Schreiben sammelte Canetti Höreindrücke verschiedener Wiener Sprachstile, durch nächtelanges Zuhören in Volkskneipen, durch Sammeln von Redeweisen wie der von Alma Mahler-Werfel, durch literarische Lesungen Nestroys und überraschenderweise auch aus dem japanischen Kabuki-Theater. Canetti entwirft auf dieser Basis Sprachsysteme für seine Figuren, die häufig nicht mehr als 500 Wörter umfassen, die „akustische Maske des Menschen“.

    „Diese sprachliche Gestalt eines Menschen, das Gleichbleibende seines Sprechens, diese Sprache, die mit ihm entstanden ist, die er für sich allein hat, die nur mit ihm vergehen wird, nenne ich seine akustische Maske.“

Es sind wesentlich diese „akustischen Masken“, die beißend ironische Kennzeichnung der Figuren aufgrund immer wiederkehrender Satzfetzen und Ausdrücke, die den bitteren Humor der „Blendung“ bestimmen. Dagmar Barnouw zitiert beispielhaft Elemente der Sprachmaske der Haushälterin Therese oder des brutalen Hausbesorgers, der seine Tochter missbraucht und Bettlern und Hausierern auflauert, um diese brutal zusammenzuschlagen:

      „Was hat er zu reden – das wär noch schöner – was hat der zu suchen – der kriegt nichts – verlangen kann jeder – ein Mann soll sich schämen – mit dem kann keiner – und das hat man von seiner Liebe“

      „Der Vater hat einen Anspruch … auf die Liebe seines Kindes. Zum Heiraten hat die Tochter … keine Zeit. Das Futter gibt ihr … der gute Vater. Wenn die Tochter nicht brav ist, bekommt sie … Schläge. Dafür lernt sie … was sich beim Vater gehört.“

       Jede der Sprachmasken hat ihr eigenes Vokabular, ihren eigenen Rhythmus. Gemeinsam ist ihnen das Verhaftetsein an Konventionen und Sprache des Spießers. Kaum verdeckt brechen sich aber die eigentlichen, triebhaften Wünsche Bahn, vor allem in Form verzerrter Sexualität und kaum verdeckter Aggression. Die Sprache des Unbewussten entlarvt dabei die Hohlheit der normierten Phrasen. Das „Futter“, das der Vater seiner Tochter zuteilt, verweist kaum verdeckt darauf, dass die Tochter wie ein Tier gehalten und benutzt wird. Dadurch wird der Appell an die Vaterliebe demaskiert als Floskel, als Sprachmaske, hinter der sich der wahre Charakter des Hausbesorgers zeigt.

       Wie andere Werke aus dieser Zeit blieb „Die Blendung“ zunächst unveröffentlicht. Der Druck erfolgte erst 1935. Canetti erklärt dies durch den moralischen Einfluss von Karl Kraus und sein moralisches Gegenbild, Bertolt Brecht, der dem unerfahrenen Canetti in Berlin begegnet war und sich zynisch über dessen Wertvorstellungen lustig gemacht hatte.

     „Ich nahm mir also dann vor, als ich nach Wien zurückkehrte, noch mehr als je so zu leben, wie es Karl Kraus gefordert hatte, nämlich streng, ganz rein, nicht für Geld zu schreiben, vor allem nichts zu veröffentlichen, nur zu veröffentlichen, was man schon jahrelang gemacht hat und billigen kann.“

Horst Bienek sieht in der Figur Kiens durchaus auch Anspielungen auf Canetti selbst:

      „Ich habe Canetti 1965 in London besucht, es war unsere erste persönliche Begegnung. Ich hatte gerade erneut „Die Blendung“ gelesen, und als ich ihn sah, wie er mich vor seinem Haus in Hampstead empfing, ging es mir plötzlich durch den Kopf: Das ist doch der Herr Doktor Kien, seine Gestalt, sein Kopf, seine Gesten, seine Ausrufe… und als ich in das Haus hineinging, eine schmale, enge Treppe hoch, an schweren, alten Möbeln vorbei, an Zeitungs- und Bücherstapeln, da trat ich in die Bibliothek und zugleich in den Roman ein, ja, hier war Kien zu Hause…“

      Die Figur Kiens und seine Interessen spiegeln durchaus Seiten des Autors Canetti wieder. Da ist zunächst der feste Wunsch, sein ganzes Leben dem Schreiben und der Buchgelehrsamkeit zu widmen. Wie Kien interessierte sich Canetti Zeit seines Lebens für die alte chinesische Kultur. In der Figur des Büchernarren ohne Welt finden sich also verschiedene Elemente einer selbstironischen Gelehrtenkarikatur.

      Im Erscheinungsjahr der Blendung 1935 wohnte Canetti mit seiner Ehefrau Veza, die er im Jahr davor geheiratet hatte, im Wiener Stadtteil Grinzing. In einem Brief berichtet er seinen Verwandten in Paris mit verhaltenem Stolz über diesen ersten literarischen Erfolg, der für ihn eine Bestätigung seiner Existenz als Schriftsteller darstellt und ihm auch einen gewissen finanziellen Rückhalt liefert.

      In Paris wohnten damals sein Bruder, der Arzt Georg Canetti – eine kaum verhüllte Vorlage für Georg Kien – und seine Mutter Mathilde Canetti, die wenig später starb.

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